"Das Leben besteht aus Etappen"
Scouting-Serie "On tour", Teil IV: Karim Guédé
Sie sehen hunderte von Fußballspielen in einer Saison, sind in vielen Stadien zu Gast und an besonderen Orten, erinnern sich an abenteuerliche Anreisen, Menschen, die sie kennenlernen durften und talentierte Fußballspieler. SC-Scouts erzählen von ihrem reiseintensiven und erlebnisreichen Job.
Im Sommer 2019 beendete Karim Guédé nach 16 Jahren im Profifußball seine aktive Karriere. Auf sechs Spielzeiten und 114 Einsätze beim Sport-Club folgte noch ein Jahr beim SV Sandhausen in der zweiten Liga, bevor der variabel einsetzbare Offensivspieler seine Zelte erneut im Breisgau aufschlug. Dieses Mal allerdings in der Funktion als Scout. Ein neuer, von langer Hand geplanter Karriereschritt: „Ich wusste schon während meiner aktiven Zeit, dass ich mich in diesem Bereich sehe, und habe alles dafür getan, auch dort zu landen“, berichtet Guédé gut gelaunt.
Schwer gefallen sei ihm der Wechsel vom Platz auf die Tribüne nicht, auch weil er laut eigenem Bekunden komplett unvoreingenommen an seine neuen Aufgaben herangegangen sei. „Für mich war das ein neuer Lebensabschnitt, in den ich ohne irgendwelche Allüren oder Erwartungen reingegangen bin.“ Eine Sache, die ihn zu Beginn seiner Tätigkeit überrascht hat, fällt dem 14-fachen slowakischen Nationalspieler dann aber doch noch ein: „Wie detailliert und genau wir einen Spieler beobachten und bewerten, war mir in diesem Maß nicht bewusst.“
Reisen mit Hindernissen
Zeit seiner Karriere war es Guédé gewohnt, mit einem großen Tross aus Trainern, Staff und Spielern auf Reisen zu gehen, eine Partie zu absolvieren und anschließend wieder die Heimfahrt anzutreten. Heute kommt es regelmäßig vor, dass er an einem Tag zwei oder drei Partien anschaut, und sich abends direkt auf den Weg in die nächste Stadt und zu weiteren Spielbeobachtungen macht. „Als Profi wird alles für dich organisiert und du musst dich nur in den Bus setzen. Als Scout planst du deine Reisen eigenständig, musst schauen, die Züge rechtzeitig zu erwischen und schnell von Stadion eins zu Stadion zwei zu kommen.“
Dass es dabei in manchen Fällen zu unerwarteten Hindernissen und Schwierigkeiten kommt, sieht Guédé entspannt. „Meistens ist es noch korrigierbar, wenn man aufgrund einer unvorhergesehenen Verspätung oder einem verpassten Anschluss in Zeitdruck gerät“, erzählt der 41-Jährige und hebt hervor, warum es für einen Scout so wichtig ist, die Partien live vor Ort mitzuerleben: „Das ist absolut ausschlaggebend. Im Stadion sehen wir Dinge, die die Kamera nicht aufnimmt. Das betrifft die Spieldynamik und das Verhalten des Spielers, den wir beobachten. Also zum Beispiel, wie er auf bestimmte Ereignisse auf dem Platz reagiert.“
Erinnerungen an den ersten Einsatz
Mittlerweile ist Guédé seit sieben Jahren Teil des Freiburger Scouting-Teams, hat unzählige Reisen hinter sich gebracht, zahhlose mögliche Spieler auf ihre Eignung für den Sport-Club unter die Lupe genommen. Der erste Arbeitseinsatz ist dennoch nach wie vor präsent.
„Das vergisst man nie. Ich bin an einem Freitag nach Stockholm gefahren, habe dort drei Spiele beobachtet und bin am Sonntag wieder zurück nach Freiburg gereist. Das war von vorne bis hinten aufregend für mich“, lacht Guédé. „Der Flug, die Stadt, die Leute, das war alles sehr spannend. Die Atmosphäre hat mich so gecatcht, dass ich zum Spiel zwischen Djurgårdens IF und Malmö FF mit den Fanmassen zum Stadion gelaufen bin. Das habe ich richtig genossen.“
„Mein Auto ist meine Bibliothek“
Generell ist Guédé aber eher selten in Skandinavien unterwegs. Stattdessen stehen häufig Ziele in Frankreich in seinem Fokus, manchmal auch in Belgien, den Niederlanden oder der zweiten Liga in Deutschland. Die meisten davon klappert der gebürtige Hamburger mit dem Zug oder dem Auto ab. Wie eingangs erwähnt, umfassen diese Reisen häufig mehrere Tage und führen über verschiedene Stationen in die hintersten Winkel der Nachbarländer. „Ich merke oft erst auf der Heimfahrt, wie weit weg von zuhause ich bin und wie lang die Heimfahrt wirklich ist. Beim ersten Mal bin ich die Strecke nach Freiburg noch in einem Rutsch gefahren. Mittlerweile lege ich häufig noch eine Zwischen-Übernachtung ein“, berichtet er von seinen Erfahrungen.
Und das, obwohl er für sich einen Weg gefunden hat, die langen Fahrten ohne Begleitung angenehmer zu gestalten. „Mein Auto ist meine Bibliothek“, sagt Guédé mit einem Augenzwinkern. Mit Hörbüchern oder Sprachkursen – aktuell steht Chinesisch für Anfänger hoch im Kurs – hält der 41-Jährige seinen Verstand aktiv und die Konzentration am Steuer aufrecht. „Die Beschäftigung für meinen Kopf hält mich wach.“
Liebe für den Fußball und Europa
Zwar gibt es Städte und Regionen, die der ehemalige Profi anderen vorzieht, ein echtes Lieblingsziel kann er für sich dennoch nicht benennen. Stattdessen nutzt er die Gelegenheit zu einem Plädoyer für die Vielseitigkeit Europas. „Man lernt auf engstem Raum so viele verschiedene Lebensarten, Kulturen, Stadtbilder, Sitten und Menschen kennen. Häufig muss ich gar nicht lange fahren, um das zu erleben. Seien es die Unterschiede zwischen Kroatien und Slowenien, oder zwischen Österreich und Italien. Das ist etwas, das ich an meinem Job und diesem Teil der Welt sehr schätze.“
Mittlerweile, erzählt er, nehme er sich bewusst Zeit, die Städte und Regionen mit ihren Eigenheiten besser kennenzulernen. Zum Beispiel bei Spaziergängen durch die schöne und geschichtsträchtige Altstadt von Verona, oder einem Besuch eines Vivaldi-Konzerts in Venedig.
Ohnehin hört man Guédé die Freude an der Arbeit, den Reisen und seinen Aufgaben in jedem Satz an. Und natürlich die ungebrochene Liebe zum Fußball: „Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich im Stadion bin und es hitzig und eng ist. Ich lebe und fühle den Sport. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Erfahrungen als Fußballprofi machen durfte. Aber dieses Kapitel ist beendet und etwas Neues ist an diese Stelle getreten, an dem ich immer noch Freude habe.“
Und dann schiebt er einen Satz nach, der sowohl auf seine Karriere als auch die Arbeit als Scout zutrifft. „Das Leben besteht immer aus Etappen.“
David Hildebrandt
Fotos: privat (2) / SC Freiburg (1)
In den vergangenen Wochen sind bereits zwei weitere Teile unserer Scouting-Serie erschienen. Hier geht es zu Teil eins mit Fridtjof Kneser, hier zu Teil zwei mit Bernhard Hillen und hier zu Teil drei mit Tobias Geis.
