"Der lauteste Torschrei, den ich je gehört habe"

Scouting-Serie "On Tour", Teil III: Tobias Geis

Verein
25.07.2026

Sie sehen hunderte von Fußballspielen in einer Saison, sind in vielen Stadien zu Gast und an besonderen Orten, erinnern sich an abenteuerliche Anreisen, Menschen, die sie kennenlernen durften und talentierte Fußballspieler. SC-Scouts erzählen von ihrem reiseintensiven und erlebnisreichen Job.  

Zwar gehört es zum Arbeitsalltag eines Scouts, zahlreichen Größen der Fußballbranche zu begegnen – dennoch gibt es Begegnungen, die tiefen Eindruck hinterlassen. Für Tobias Geis, seit sieben Jahren Teil des SC-Scoutingteams, gehört das Aufeinandertreffen mit dem ehemaligen Weltschiedsrichter Pierluigi Collina vor einem Jahr beim Eröffnungsspiel der U20 Weltmeisterschaft in Chile dazu. „Zu sehen, welche Aura, welche Autorität er versprüht, war beeindruckend. Ich kannte ihn nur aus dem Fernsehen und hatte ihn schon damals als jemanden wahrgenommen, der den Spielern gegenüber sehr eindrucksvoll aufgetreten ist“, erzählt Geis. Als Collina im Schlepptau des chilenischen Staatspräsidenten den Raum betreten habe, sei es daher „ein absoluter Wow-Moment“ gewesen.

Neben der Begegnung mit dem ehemaligen Weltschiedsrichter verbindet Geis noch eine weitere Erinnerung mit dem geschichtsträchtigen Estadio Nacional de Chile. Nach dem Putsch von Augusto Pinochet im Jahr 1973 fungierte die Spielstätte für mehrere Monate als Gefangenen- und Folterlager, in dem tausende Gegner des Diktators interniert waren. Heute erinnern offizielle Gedenkorte im Stadion an das dunkle Kapitel der chilenischen Geschichte. „Es gibt immer noch eine kleine Holztribüne, die als Mahnmal so belassen wurde, wie sie damals war. Sich das alles vor Ort vor Augen zu führen, war eine eindrückliche Erfahrung“, erinnert sich der 34-Jährige.

„Eine wahnsinnige Euphorie“

Ohnehin verbindet Geis viele seiner Spielerbeobachtungen mit den Erlebnissen und Momenten rund um die Partien. „Bei mir spielt immer eine große Rolle, welche Emotionen das Stadion und die Stadt vermitteln. Das ist immer spielabhängig.“ Besonders präsent ist dem gebürtigen Nordbayern eine Fahrt nach Sunderland im Nordosten Englands. 2024/25 kämpfte der dort beheimatete AFC – nach mehreren sehr unruhigen Jahren – um den Einzug in das Finale der Aufstiegs-Playoffs für die Premier League. „Man hat schon vor dem Spiel gemerkt, wie sehr die Leute investiert sind. Mittags um elf waren alle Pubs voll und die ganze Stadt in den Vereins-Farben unterwegs, wohlgemerkt an einem Wochentag. Vor Anpfiff hat eine riesige Menschenmenge den Mannschaftsbus empfangen. Es herrschte eine wahnsinnige Euphorie.“

Eine Euphorie, die sich ins Playoff-Rückspiel zwischen dem AFC Sunderland und Coventry City transportierte: Nach 90 Minuten hatten die Gäste den Rückstand aus dem Hinspiel ausgeglichen, es ging in die Verlängerung. In dieser besorgte Sunderlands Daniel Ballard im Anschluss an eine Ecke in der 123. Minute (!) den Treffer, der der Heimelf im Stadium of light den Finaleinzug sicherte. „Es war der mit Abstand lauteste Torschrei, den ich je in einem Stadion miterlebt habe. Es hat mich extrem mitgenommen, zu sehen wie die Gefühlswelt all dieser Leute an diesem Verein hängt. Deswegen ist das Stadium of light für mich immer verbunden mit der großen Liebe zum Fußball“, erzählt Geis.

„Man hat ihm die Lust, Dinge aktiv zu gestalten, angesehen“

Geis´ Geschichte beim Sport-Club beginnt nach dem abgeschlossenen Studium in BWL und Sportmanagement vor zehn Jahren mit einem Praktikum in der Freiburger Fußballschule. Es folgen zweieinhalb Jahre als Projektleiter beim Südbadischen Fußballverbund, bevor es zurück zum SC geht. Seither reist der Scout um die Welt – immer auf der Suche nach Akteuren, die in den Breisgau passen. Einen solchen fand das Scouting-Team zum Beispiel in Merlin Röhl, der nach drei Spielzeiten im SC-Dress und einem Leih-Jahr in Everton in diesem Sommer fest zu den Briten wechselte. „Merlin hat man die Lust, Dinge aktiv auf dem Platz gestalten und sich ausprobieren zu wollen in jeder Situation angemerkt. Er möchte in allen Phasen Teil des Spiels sein und Dinge im positiven Sinne des Wortes ausreizen“, erinnert sich Geis an seine ersten Eindrücke vom ehemaligen Ingolstädter.

Röhl sei zudem ein gutes Beispiel dafür, dass ein Spieler nicht immer eine außergewöhnliche Tagesleistung zeigen muss, um bei den Scouts Eindruck zu hinterlassen. „Seine Attribute und das grundsätzliche Gefühl, das er uns vermittelt hat, verbunden mit der Fantasie, wo es vom Potential mal hingehen könnte, waren in unseren Beobachtungen immer ausschlaggebend.“

Im Flieger über Slowenien

Darf man als Scout eigentlich Flugangst haben? „Man sollte es nicht meinen, aber das ist schon verbreitet. Ich gehöre auf jeden Fall zu gewissen Teilen dazu“, sagt Geis, der grundsätzlich selbst weite Scouting-Reisen eher mit dem Zug antritt. Insbesondere die Anreise zu einer Partie zwischen NK Celje und NK Maribor in Slowenien sollte seinen Flugenthusiasmus gehörig auf die Probe stellen.

„Wir hatten schon beim Abflug in Deutschland problematisches Wetter und es war nicht klar, ob der Flieger überhaupt startet. Wir sind dann nicht wie geplant nach eineinhalb Stunden Flugzeit gelandet, sondern mussten den Landeanflug abbrechen und nochmal über eine Stunde über der Stadt kreisen. Das war kein schönes Erlebnis“, erinnert sich der Scout.

Zumal der weitere Ablauf des Arbeitseinsatzes ebenfalls mit Hindernissen verbunden war: „Nach der Landung war sofort klar, warum der Flieger solche Probleme hatte. Alles stand unter Wasser, es hat heftig geregnet. Ich bin klitschnass im Hotel angekommen und hatte auch nur einen kleinen Rucksack ohne Ersatzklamotten gepackt.“

Und das zur Reise gehörige Spiel? „Der Platz war an sich nicht bespielbar, der Schiedsrichter hat die Begegnung mit deutlicher Verspätung trotzdem angepfiffen. Der Spieler, wegen dem ich im Stadion war, hat den Anstoß ausgeführt und wollte den Ball zurück zu seinem Mitspieler spielen. Der Ball ist keinen Meter entfernt von ihm in einer Pfütze liegengeblieben, er hat nochmal versucht weiterzuspielen und wurde vom Schiedsrichter zurückgepfiffen, weil er den Ball zweimal hintereinander berührt hat“, lacht Geis und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Spätestens in diesem Moment wusste ich: Heute liegt mein Fokus eher auf der Mentalität und Einstellung als auf der technischen Qualität des Spielers.“

David Hildebrandt

Fotos: privat (3) / Imago Images (1)

 
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