"Französische Teams lohnen sich immer"
Scouting-Serie "On tour", Teil I: Fridtjof Kneser
Sie sehen Hunderte von Fußballspielen in einer Saison, sind in vielen Stadien zu Gast und an besonderen Orten, erinnern sich an abenteuerliche Anreisen, Menschen, die sie kennenlernen durften und talentierte Fußballspieler. SC-Scouts erzählen von ihrem reiseintensiven und erlebnisreichen Job.
Fridtjof Kneser, der seinen Hauptarbeitsplatz in der Freiburger Fußballschule hat, kam 2019 zum Sport-Club. Während seines Lehramtstudiums organisierte Kneser unter anderem die Füchsle-Camps mit, bekam einen Praktikumsplatz in der Scouting-Abteilung angeboten und arbeitet seitdem für den SC.
In seiner Funktion als Scout hat er mittlerweile schon einige Fußballspiele, Fußballspieler und Fußballplätze gesehen. Auf seinen Reisen durch Städte, Provinzen, große und kleine Nationen hat er in den USA einen „Kulturschock“ erlebt, in der französischen Provinz fühlt er sich hingegen wohl.
Höher, schneller, weiter
Die Erinnerungen und Erlebnisse an Knesers Scouting-Reise nach Dallas in den USA lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: überdimensional.
Beim Dallas Cup in Texas, einem der größten internationalen Jugend-Fußballturniere weltweit, nehmen Nachwuchsteams von der U10 bis zur U19 aus aller Welt teil. In diesem Jahr waren Teams von Eintracht Frankfurt und dem VfB Stuttgart dabei.
Über die Größe des Turniers staunt auch Kneser im Nachhinein noch: „Es sind krasse Dimensionen dort. Auf über 20 Spielfeldern wird von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends gespielt“, erzählt der Scout, der in der Freiburger Fußballschule hauptsächlich für das Scouting der C- und B-Jugenden verantwortlich ist. Zum Vergleich: Das größte Jugendfußballturnier in Deutschland ist der Länderpokal in Duisburg. „Dort finden auf sechs Plätzen dann aber nur drei Spiele gleichzeitig statt“, ordnet Kneser ein.
„Die Dallas-Reise war ein Kulturschock für mich“, sagt Kneser. Und das auch abseits der riesigen Fußballanlage, denn ohne Auto geht in den USA fast nichts. „Ein Kollege und ich wollten in 800 Meter Entfernung unseres Hotels essen und gerne zu Fuß gehen. Es gab aber weit und breit keinen Gehweg. Wir sind dann trotzdem gelaufen – über einen breiten Grünstreifen neben der Straße.“ Die beiden waren – bis auf einen fahrradfahrenden Obdachlosen – die einzigen Personen, die ohne Auto unterwegs waren.
Während seiner Scouting-Reise in Dallas ging es darum, einen Überblick über den Jugendfußball in den USA zu bekommen und die interessanten Spieler dort zu kennen. „Wenn wir nicht nur einen Spieler beobachten wollen, lohnt es sich auch immer, bei Spielen von französischen U-Nationalmannschaften vorbeizuschauen“, erzählt Kneser.
Lieblingsort Sochaux
Ein besonderer Ort für Kneser ist deshalb auch Sochaux, westlich von Basel im Dreiländereck. Dort liegt das Nachwuchsleistungszentrum des FC Sochaux-Montbéliard, das zu den besten in Frankreich zählt. Marcus Thuram und Ivan Perisic haben dort unter anderen ihre Jugend verbracht. Das Haupthaus ist ein altes, kleines Schloss. Rundherum und auf einem Hügel gelegen gibt es vier Fußballplätze auf unterschiedlichen Ebenen. Der 32-Jährige kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er von der Akademie erzählt: „Die Anlage ist außergewöhnlich und erinnert mich ein bisschen an Mini-Hogwarts. Einer der Fußballplätze ist ein Hundert-Meter-Platz mit geschwungenem Holzdach. Ich bin gerne dort.“
Neben dem speziellen Look schätzt das Scouting-Team an diesem Ort auch die Nähe zu Freiburg. Etwas mehr als eine Stunde Fahrtzeit sind es nur, bis Kneser das Nachwuchsleistungszentrum erreicht, wo er und seine Kollegen schon das eine oder andere Talent gesichtet haben: „Ich war in der vergangenen Saison fünf-, sechsmal dort und im vergangenen Sommer haben wir Chrisdy Dianzenza von dort geholt.“ Der Angreifer gehört seit dieser Saison zum Kader der U23.
Eintauchen in die Vergangenheit
Wie entscheiden Kneser und seine Kollegen, wo sie nach Spielern suchen? „Wir schauen, welche Spieler wir unbedingt sehen wollen und welche wir auf unseren Routen anschauen könnten, weil wir sowieso in der Gegend sind. Dann suchen wir uns oft Länderspielpausen mit Routen aus, auf denen wir zwei bis drei Spiele am Tag sehen. Ich fahre dann ins Stadion und schaue mir ein Spiel an, bereite es vor und nach und schreibe dazu einen Bericht.“ Auf der Grundlage solcher Beobachtungen entscheidet das Scouting-Team dann gemeinsam, welche Spieler enger verfolgt werden.
So führte ihn der Weg auch in die slowenischen Alpen und den Wintersportort Kranjska Gora. Der Ort ist bekannt für seine alpinen Skiwettbewerbe. In den schneefreien Monaten ist ein Rasenplatz mit beeindruckendem Bergpanorama und einem Hühnerstall kurz hinter der Seitenlinie zu sehen. Idylle pur.
Oder auch nach Triest, ins Stadio Nerio Rocco zu einem Jugend-Länderspiel, bei dem damals Mladen Mijajlovic und Theo Pizarro mitgespielt hatten. Beide spielen seit 2025 beim Sport-Club und gehören seit dieser Saison zum Kader der U23. „Ich hatte nicht viel von diesem Stadion erwartet, aber es liegt mitten im Wohngebiet und das fand ich cool“, erinnert sich Kneser. Das Stadion: steile Tribünen, offene Ecken, Nähe zum Spielfeld, keine verglasten VIP-Bereiche. „Ich hatte den Eindruck, das Stadion hat eine lange Tradition, in dem der Fußball im Mittelpunkt steht. Es war, als würde ich in die Vergangenheit eintauchen können“, sagt Kneser. Idyllisch.
Überzeugt auf Schnee
Es gibt jüngere Spieler, die den Scouts zufällig bei Turnieren oder Länderspielen auffallen. Und es gibt solche, die schon bekannter und älter sind. „Je älter die Spieler sind, desto gezielter fahren wir für einzelne Spieler an Orte. So war es bei Johan Manzambi. Dem Spieler, von dem Kneser sofort wusste, dass er zum SC passen würde. Kneser hat das letzte Spiel Manzambis für seinen damaligen Genfer Verein Servette FC in Basel beobachtet. An einem kalten Wintertag mit Schneetreiben sah er, dass Manzambi, trotz der schwierigen Bedingungen, „etwas Besonderes hat“.
Kneser berichtet von Manzambis Technik, dessen Offensivdrang und einer „besonderen Idee“. „Seine Mannschaft hatte im Pokalviertelfinale gerade den Ausgleich kassiert. Johan hat dann mit einem Ball über 50 Meter vom Anstoß weg das 1:1 gemacht. Das war auch eine der Aktionen, die mich überzeugt hat.“
Manzambi ist mit der Schweizer Nationalmannschaft gerade bei der Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada – groß, weit, überdimensional. Fridtjof Kneser freut sich für ihn, aber auch schon wieder auf seine nächste Fahrt nach Sochaux in der französischen Provinz.
Isabel Betz
