"Olli Sorg, hör auf mit diesem Entschuldigen"
Die Freiburger Fußballschule feiert in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag. Zum Jubiläum kommen an dieser Stelle ehemalige Fußballschüler zu Wort, die sich an ihre Fußballschulzeit erinnern. Dieses Mal erzählt Oliver Sorg davon und wie sein Leben nach dem Nachwuchsleistungszentrum weiterging.
Herr Sorg, wie uns das Internet verrät, sind Sie voll ins Handwerkerleben eingestiegen, vertreiben unter dem schönen Firmennamen „Ollis Holzerei“ ihre eigenen Erzeugnisse. Wie kam’s?
Sorg: Ich war schon immer begeistert vom Handwerk und technisch versiert. Das habe ich früh von meinem Papa mitbekommen, der Klempner und ein handwerkliches Allround-Talent war. Da bin ich als Kind schon häufig in seine Werkstatt, habe rumgewerkelt, irgendetwas gebaut. Als ich Profi bei Hannover 96 war, kam unsere erste Tochter zur Welt. Da wir dort kein gescheites Kinderbett fanden, baute ich in der Garage eben selbst eines. Das fanden dann viele Mitspieler wie etwa Martin Harnik so cool, dass ich auch für ihre Kinder Betten entwarf.
Sie stellen Betten, Spielebögen, Frühstücksbretter her. Wann folgen denn Ersatzbänke aus Vollholz, Taktiktafeln im Nussholzdesign und Schienbeinschoner aus furnierter Eiche?
Sorg: (lacht) Das sind tolle Anregungen. Und ich probiere gerne Dinge aus, die ich noch nie gemacht habe. Bei meinen Ideen gibt es kein Ende – ich behalte die Vorschläge im Hinterkopf.
Als kleiner Bub begannen Sie beim Hegauer FV mit Fußballspielen – dem heutigen Kooperationsverein der Frauen- und Mädchenabteilung des SC Freiburg –, kamen dann 2006 vom FC Singen in die Freiburger Fußballschule. Welche Kanten mussten Ihnen die dortigen Trainer erst mal weghobeln?
Sorg: Ein ganz großes Thema war meine Unsicherheit. Ich kam als kleiner Spieler eines Dorfvereins zum großen Sport-Club, wo ich auf selbstbewusste Sportler traf, etwa in meinem Jahrgang auf Oliver Baumann oder Chicco Höfler. Ich bin eigentlich auch ein lustiger und offener Typ, habe mich aber zunächst sehr einschüchtern lassen. Ständig entschuldigte ich mich auf dem Platz, etwa wenn ich einen Fehlpass spielte. Meinem damaligen U17-Trainer Patrick Baier ging das irgendwann so auf den Keks, dass er einmal laut über den Platz brüllte: Olli Sorg, hör auf mit diesem Entschuldigen! Das musste ich dann erst mal wieder rauskriegen. Und Christian Streich gab mir später bei der U19 auch ständig neue Aufgaben.
Welche denn?
Sorg: Es ging darum, nicht nur über 75, sondern auch über 90 Minuten zu performen. Also arbeitete ich daran, bereitete mich körperlich und mental besser auf die Spiele vor. Und als ich dann über 90 Minuten abliefern konnte, gab er mir die nächste Aufgabe: jetzt Flanken mit links. Für diesen Grob- und Feinschliff der Freiburger Fußballschule bin ich sehr dankbar.
Die erste Meisterprüfung ließ nicht lange auf sich warten: 2008 wurden Sie mit den A-Junioren des SC Freiburg Deutscher Meister.
Sorg: Ein großartiger Titel, verbunden aber mit einer großen persönlichen Enttäuschung, die mich letztlich allerdings voranbrachte. Ich hatte in der Saison meistens von Anfang an gespielt. Als es Richtung Finalspiele um die Deutsche Meisterschaft ging, wurden aber viele Jungs vom älteren U19-Jahrgang wieder runtergezogen, die teils schon bei den Profis mittrainiert hatten. Sie spielten dann im Finale, ich saß auf der Bank. Natürlich war mir der Teamerfolg immer wichtig, man ordnet sich auch unter, trotzdem hat mich das getroffen. Ich habe daraus jedoch die richtigen Lehren für mich gezogen: noch mal eine Schippe draufzulegen. Und in der Saison darauf machte ich fast alle U19-Spiele von Anfang an, auch im DFB-Pokalfinale der Junioren, wo wir gegen die favorisierten Dortmunder gewannen.
Sie wurden später Profi beim Sport-Club, waren nach Ihrer aktiven Zeit jüngst auch als Trainer eines Landesligisten am Bodensee aktiv: Wieviel aus der Zeit in der Freiburger Fußballschule steckt im Trainer Oliver Sorg?
Sorg: Sehr viel, auch wenn ich momentan keine Mannschaft trainiere, da ich mit Familie und Beruf genug ausgelastet bin. Aber ich habe wahnsinnig viel mitbekommen, neben der Taktik natürlich auch den zwischenmenschlichen Umgang. In der Freiburger Fußballschule wurde unfassbar akribisch gearbeitet, Genauigkeit – etwa bei Pässen – war stets ein zentrales Thema. So zu denken und zu arbeiten hilft einem nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern für alles im Leben.
Interview: Christian Engel
Bildunterschrift: Oliver Sorg (35, hintere Reihe Zweiter von links) kam 2006 vom FC Singen an die Freiburger Fußballschule. Mit der U19 wurde er Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger. 2012 wurde er SC-Profi (119 Partien). Heute ist der zweifache Familienvater auch als selbstständiger Schreiner tätig.
Dieses Interview erschien erstmalig in unserem Stadionmagazin Heimspiel. Zum 25-jährigen Jubiläum der Freiburger Fußballschule unterhalten sich die Heimspiel-Autoren mit ehemaligen Fußballschülern. In dieser Reihe sind bereits vier weitere Interviews erschienen, mit Walter Adam und Dr. Vito Esposito , Philipp Züfle und Marvin Müller und Kevin Schade.
