Zuverlässig durchlässig
Von der Freiburger Fußballschule in den Profikader
Vor 25 Jahren wurde die Freiburger Fußballschule eröffnet. Durchschnittlich zehn ehemalige Fußballschüler standen seither in jeder Spielzeit im Profikader.
Als Christian Günter im Finale der Europa League in der 86. Minute eingewechselt wird, ist er der achte SC-Spieler mit Freiburger-Fußballschulen-Vergangenheit, der an jenem Abend des 20. Mai 2026 in Istanbul gegen Aston Villa auf dem Rasen steht. Matthias Ginter, Noah Atubolu, Johan Manzambi, Nicolas Höfler und Philipp Treu haben von Anfang an gespielt, Jordy Makengo und Max Rosenfelder sind im Laufe der Partie eingewechselt worden, mit Bruno Ogbus und Maximilian Philipp sitzen noch zwei weitere ehemalige Freiburger Fußball-Azubis auf der Bank – und am Spielfeldrand und auf der Tribüne befinden sich außerdem weitere zehn Trainer und Staff-Mitglieder, die ebenfalls alle in der Freiburger Fußballschule ihre ersten Schritte beim Sport-Club getan haben, ehe sie innerhalb des Vereins zu den männlichen Profis wechselten.
In der Schlussphase der Partie darf nun also auch Kapitän Günter ran, der den Freiburger Weg von der ersten Kreuzung an mitgegangen ist: von der U14 durch alle Jugendteams, über die 2. Mannschaft zu den Profis, zum Rekordspieler des Vereins, zum Teilnehmer eines europäischen Pokal finals. Von Tennenbronn über Freiburg nach Istanbul – welch eine Reise!
73 ehemalige Fußballschüler sind bislang aufgerückt
Dass Christian Günters Weg ein äußerst besonderer, aber keineswegs einmaliger ist, belegen zahlreiche Biografien und Geschichten – und noch mehr Zahlen. 73 ehemalige Fußballschüler sind seit der Gründung des Freiburger Nachwuchsleistungszentrums vor 25 Jahren in den Profikader des SC Freiburg aufgerückt. Sascha Riether war der erste (auch wenn die Freiburger Fußballschule während seiner fußballerischen Ausbildungszeit genau genommen erst in der Entstehungsphase war), Rouven Tarnutzer und Karl Steinmann (mittlerweile ausgeliehen an Hannover 96) kamen zuletzt hinzu.
Etliche Spieler gingen auch Umwege, kehrten nach Zwischenstationen bei anderen Vereinen (zum Beispiel Philipp Treu und zuletzt Yannik Engelhardt) oder Leihen („Chicco“ Höfler oder jüngst Berkay Yilmaz) sportlich und persönlich gereift zum SC Freiburg zurück. Und unzählige weitere ehemalige Fußballschüler landeten im vergangenen Vierteljahrhundert auch über Nebenstraßen in anderen Profiteams, beispielhaft Robin Fellhauer, der nach seiner Ausbildung in der Freiburger Fußballschule bei der SV Elversberg Fuß fasste und nun für den FC Augsburg in der Bundesliga spielt.
Vor dem FC Barcelona auf Platz 3
Was die Einsatzminuten selbstausgebildeter Spieler anbelangt, landete der SC Freiburg zum Ende der vergangenen Saison auf Rang drei im Vergleich der fünf europäischen Top-Ligen. Der Sport-Club ließ dabei etliche für seine ausgezeichnete Ausbildungsarbeit bekannte Vereine hinter sich, etwa den FC Barcelona oder Real Madrid (einzig Athletic Bilbao und Real Sociedad San Sebastián lagen vor dem SC). Und auch in der Saison 2026/27 dürften erneut etliche Minuten anfallen, stehen im aktuellen Kader schon wieder neun SC-Spieler, die die Ausbildung in der Freiburger Fußballschule durchlaufen haben. Die Zahl ehemaliger Freiburger Fußball-Azubis im aktuellen SC-Kader ist seit sechs Spielzeiten in Folge stets zweistellig. In den vergangenen 25 Jahren standen in jeder Spielzeit durchschnittlich rund zehn ehemalige Freiburger Fußballschüler im SC-Profikader. Hinter dieser zuverlässig hohen Durchlässigkeit von der Freiburger Fußballschule zum Profiteam stecken etliche Faktoren.
Da ist etwa die hohe Qualität der Ausbildung, die nicht nur im südwestlichen Teil Baden-Württembergs, sondern im ganzen Land, gar über die Grenzen hinaus bekannt ist. Kevin Schade etwa entschied sich 2018 trotz zahlreicher Angebote bewusst für eine Fortsetzung seiner in Cottbus begonnenen fußballerischen Ausbildung in der Fußballschule in Freiburg, „auch weil der SC mir den besten Weg aufzeigte, wie ich Profi werden konnte“. Und auch der damals schon von vielen Seiten umworbene Johan Manzambi wollte sich seinen Feinschliff vor dem Eintritt in den Männerfußball in der Freiburger Fußballschule holen, wechselte 2023 folglich zur A-Jugend des SC Freiburg. Sowohl Schade als auch Manzambi wurden Profis beim SC Freiburg – und laufen heute in der englischen Premier League auf.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der hohen Durchlässigkeit ist die enge Verzahnung von Nachwuchsleistungszentrum und Profibereich. Dieses enge Band ist der Kern der Freiburger Aus- und Weiterbildungsphilosophie, was ohne das „große gegenseitige Vertrauen“ nicht möglich wäre, wie der Leiter der Freiburger Fußballschule, Andreas Steiert, betont. Er spricht von einer „außergewöhnlichen Zusammenarbeit, die wir über die Jahre entwickelt haben“.
Was nicht zuletzt auch an den handelnden Personen im Verein liegt, die an ganz vielen Stellen eine Fußballschulen-Vergangenheit haben: etwa Sportvorstand Jochen Saier, Sportdirektor Klemens Hartenbach, Cheftrainer Julian Schuster und sein Vorgänger Christian Streich, um nur vier prominente Beispiele zu nennen.
Und so überrascht es nicht, dass zum Beispiel bei der Planung des Profikaders Verantwortliche der Freiburger Fußballschule ganz natürlich mit am Tisch sitzen – als Vertreter der jungen Spieler. Eine besondere Rolle nehmen hierbei auch die Verbindungstrainer ein, als Bindeglieder zwischen den Nachwuchsteams, der zweiten Mannschaft und den SC-Profis. Jugendspieler des SC Freiburg trainieren bisweilen schon in jüngeren Jahren bei der ersten oder zweiten SC-Mannschaft mit, sind auch mal in deren Trainingslagern Teil der Teams.
Dabei liegt der Fokus stets auf der sportlichen und persönlichen Entwicklung der Spieler, „die behutsam und schrittweise vonstattengehen soll“, wie Martin Schweizer betont. Der Sportliche Leiter der Freiburger Fußballschule verwendet bei der Erklärung des Begriffs „Entwicklung“ gerne das Bild eines verwickelten Kabels, das erst noch Stück für Stück auseinandergefriemelt – also entwickelt – werden muss, um es in seiner Gesamtheit zu erkennen. Dabei darf das Entwickeln hin und wieder auch mal etwas länger dauern, ein Knoten auch mal erst zu einem späteren Zeitpunkt gelöst werden.
Beeindruckende Werdegänge
Bei der Entwicklung der Nachwuchsspieler sind also Beharrlichkeit und Geduld gefragt. Besonders wichtig ist dabei Transparenz: In regelmäßigen Entwicklungsgesprächen wird den jungen Spielern aufgezeigt, wo sie stehen und wie ihr weiterer Weg aussehen könnte – und dass dieser möglicherweise auch mal nicht in einem Profikader enden wird, was die Fußballschüler dank der dualen Ausbildung an der Freiburger Fußballschule aber auch nicht in eine Sackgasse führt.
Etliche beeindruckende Werdegänge von ehemaligen Fußballschülern finden sich daher auch außerhalb des Fußballs: Vito Esposito etwa arbeitet als Direktor Institutionelle und politische Beziehungen & Regulierung bei der Bundesliga GmbH. Walter Adam ist Sportvorstand beim Bahlinger SC. Max Schuler, einst Kapitän der U19 des SC Freiburg, leitet heute die Freiburger Stadtredaktion der „Badischen Zeitung“. Und Marvin Müller trainiert die weibliche U17 des SC Freiburg.
Auch wenn diese „wunderbaren Geschichten“, wie Steiert sagt, „in der öffentlichen Wahrnehmung leider immer ein bisschen untergehen“, zeigen sie, wie ganzheitlich in der Freiburger Fußballschule gedacht wird. Im Mittelpunkt steht der Mensch, für den versucht wird, die „individuell beste Lösung zu finden“, damit jeder seinen eigenen Weg finden und gehen kann: als Jurist, als Trainer, als Gründer eines Modelabels und manche auch als Profifußballer – deren Weg mittlerweile mit dem SC Freiburg sogar an Orten wie Istanbul vorbeiführen kann.
Christian Engel
Fotos: SC Freiburg, Achim Keller
Info: Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Freiburger Fußballschule veranstaltet der SC Freiburg am 26. und 27. September ein Jubiläumswochenende. Im Rahmen eines Tages der offenen Tür im Möslestadion sind Besuchende am Samstag, 26. September, herzlich zum Mitfeiern eingeladen. Die Entstehungsgeschichte und die Entwicklung der Fußballschule sowie ihre Besonderheiten können zudem vorab in der offiziellen Jubiläumsbroschüre nachgelesen werden, in der auch dieser Text zuerst erschienen ist.
