"Beste Kontakte nach Freiburg"
Jeder Club hat seine Kultfiguren. Vor dem Spiel bei Eintracht Frankfurt kommt in Heimspiel eine der Legenden des nächsten SC-Auswärtsgegners zu Wort: Karl-Heinz Körbel.
Herr Körbel, mit 602 Spielen sind Sie der Rekordspieler der Bundesliga. Dieser Bestwert galt lange Zeit als Rekord für die Ewigkeit, nun schleichen sich Manuel Neuer (545 Spiele) und Oliver Baumann (523) Stück für Stück heran. Fühlen Sie sich bedroht?
Körbel:(schmunzelt) Ach, dieser Rekord ist mir nicht so wichtig. Wenn mich einer überholt, dann gehe ich hin und gratuliere ihm.
Falls Neuer oder Baumann vorbeiziehen sollten, wären Sie ja immerhin noch der Rekordfeldspieler …
Körbel: Stimmt. Als ich mit 17 Jahren meine ersten Bundesligaspiele bestritt, gab es keine Ein- und Auswechslungen, da war es für Feldspieler noch schwieriger als heute, auf ihre Bundesligaeinsätze zu kommen. Am stolzesten macht mich bei diesem Rekord aber die Tatsache, alle 602 Einsätze für einen einzigen Verein absolviert zu haben. Das wiederholt in der heutigen Zeit wahrscheinlich niemand so schnell.
Dieser „einzige Verein“ war Eintracht Frankfurt, wäre aber beinahe der Hamburger SV oder der VfB Stuttgart geworden.
Körbel: Ich war Juniorennationalspieler, einige Vereine hatten mich auf dem Zettel. Eines Tages kam ein Vertreter des VfB Stuttgart in das Outdoor-Geschäft in Heidelberg, in dem ich meine Ausbildung zum Großhandelskaufmann machte. Er wollte mich zum VfB locken, gab mir dafür 100 Mark auf die Hand – damals viel Geld. Die 100 Mark behielt ich, zum VfB wollte ich aber nicht.
Als nächstes kam der Hamburger SV …
Körbel: Der HSV lud mich zum Probetraining ein. Der damalige Trainer Klaus-Dieter Ochs sagte, gleich käme ein Spieler, wir würden gemeinsam trainieren und weitersehen. Dann kam einer um die Ecke, den ich nur aus dem Fernsehen gekannt hatte: Uwe Seeler. Eine Legende! Nach der Einheit riet Uwe mir, nach Hamburg zu wechseln. Man hatte mir schon HSV-Trainingsklamotten bereitgelegt.
Aber?
Körbel: Ich sagte mündlich zu, wollte aber alles noch mal in Ruhe überdenken, ich war schließlich erst 16. Bei einer Kneipentour durch Heidelberg bearbeiteten mich meine Freunde, ich solle doch noch weiter mit ihnen beim FC Dossenheim spielen, da wir kurz zuvor erst aufgestiegen waren. Also brach ich mein Wort beim HSV und blieb beim FC Dossenheim.
Ein Jahr später, 1972, folgte dann doch der Wechsel in den Herrenbereich, hinein in die Bundesliga.
Körbel: Eines Tages stand Jürgen Gerhardt, Geschäftsführer der Eintracht, mit einem Blumenstrauß bei uns im Wohnzimmer. Er unterhielt sich lange mit meiner Mutter. So ein lieber Mann, sagte sie danach. Mein Vater, Eintracht-Fan, hatte mich als Kind mal mit ins damalige Waldstadion genommen. Die Eintracht verlor 0:7 gegen den Karlsruher SC, die bis heute höchste Heimniederlage. Danach sagte ich zu ihm, dass ich nie zu so einem Verein gehen würde. Dann aber der nette Herr mit Blumenstrauß in unserem Wohnzimmer, mein für Frankfurt schwärmender Vater – so ging ich also nach Frankfurt.
Trotz vieler namhafter Spieler im Team, darunter Bernd Hölzenbein, Jürgen Grabowski oder Bernd Nickel, wurden Sie schnell Stammspieler. Wie kam das?
Körbel: Ich wurde bestens aufgenommen, weil die gestandenen Spieler merkten: Der ist gut – und lernwillig. Dann verletzte sich vor dem 7. Spieltag der Saison 1972/73 Eintracht-Vorstopper Friedel Lutz im Abschlusstraining. Trainer Erich Ribbeck fragte mich, ob ich mir schon einen Einsatz zutrauen würde. Ich sagte: „na klar“. Als ich am Samstagmittag beim Aufwärmen zu den Gegnern schaute, bekam ich dann allerdings doch etwas wackelige Knie.
Immerhin stand Ihnen der Deutsche Meister gegenüber, der FC Bayern …
Körbel: … mit Spielern wie Franz Beckenbauer, Paul Breitner und meinem direkten Gegenspieler an jenem Tag: Gerd Müller (Foto links). Das war noch mal eine andere Stürmer-Kategorie. Aber ich machte eine gute Partie, ließ Müller kaum zu Chancen kommen. Später einmal sagte er mir, er hätte es gehasst, gegen mich zu spielen. Ein wunderbares Kompliment.
In Ihrer langen Karriere, die bis 1991 andauerte, spielten Sie kein einziges Mal gegen den Sport-Club.
Körbel: Stimmt nicht ganz! Einmal absolvierten wir ein Testspiel gegen den SC Freiburg, im Dreisamstadion. Das war etwas Besonderes. Bis heute pflege ich beste Kontakte nach Freiburg, etwa zu Fritz Keller, dem einstigen SC-Präsidenten, oder zu Jogi Löw, mit dem ich in der Saison 1981/82 gemeinsam bei der Eintracht spielte. Ich verfolge noch heute sehr gern die Entwicklung des Vereins.
Wie auch die von SC-Verteidiger Matthias Ginter, der schon 414 Bundesligapartien bestritten hat und Ihnen von allen aktiven Feldspielern der Bundesliga am dichtesten auf den Fersen ist?
Körbel:(schmunzelt) Dann muss er ja nur noch knapp sechs Spielzeiten am Stück auf diesem Niveau spielen, um mich einzuholen. Ich würde es ihm von Herzen gönnen.
Interview: Christian Engel
Foto: Imago Images
Bildunterschrift: Karl-Heinz Körbel (rechts), 71, spielte zwischen 1972 und 1991 bei Eintracht Frankfurt. Mit 602 Partien ist er der Rekordspieler der Bundesliga. Heute trainiert der ehemalige Innenverteidiger Kinder in der Eintracht Frankfurt Fußballschule, ist zudem Kapitän und Chef der Eintracht-Traditionself.
