„Wie ein riesiges Familientreffen“
Zwei Fußballschulen-Urgesteine im Interview
Markus „Düse“ Kiefer, Pädagogischer Leiter, und Dominik Wohlfarth, U17-Torwarttrainer, sind seit 25 Jahren fester Bestandteil der Freiburger Fußballschule. Im Interview erzählen sie von den gemeinsamen Anfängen, verschwundenen Entmüdungsbecken und der besonderen Atmosphäre im Nachwuchsleistungszentrum.
Hallo ihr beiden! Schön, dass ihr euch die Zeit nehmt. Ihr wart gerade schon fleißig im Austausch. Was sind denn an einem normalen Morgen in der Fußballschule eure Berührungspunkte?
Markus Kiefer: Unser pädagogisches Team übernimmt viel von der Arbeit, die die Eltern normalerweise zuhause machen würden. Es kann also durchaus passieren, dass Dominik von mir einen Anruf bekommt, dass einer seiner Schüler im Rotteck-Gymnasium krankheitsbedingt nicht zur Schule kommen kann.
Dominik Wohlfarth: Nachmittags bin ich dann wegen dem Training ohnehin hier. Dann sprechen wir uns zu verschiedenen Themen ab – zum Beispiel, wenn es bei einem Spieler irgendwas in der Schule gab, das besonders gut oder auch nicht so gut lief. Und ab und zu schaue ich auch einfach mal so bei Düse im Büro vorbei. (lacht)
Habt ihr einen Lieblingsplatz hier?
Wohlfarth: Definitiv auf dem Trainingsplatz mit meinen Jungs! Ich arbeite mit einer kleinen Gruppe hochmotivierter Spieler und bin einfach wahnsinnig gerne auf dem Rasen. Der beste Job im Fußball, den Du haben kannst, ist Torwarttrainer.
Kiefer: Meine Lieblingsecke ist unsere denkmalgeschützte Haupttribüne auf Höhe der Mittellinie. Der Platz ist multifunktional: Bei den Spielen hat man die beste Aussicht, man kann sehr gut Einzelgespräche führen oder auch zwischendurch einfach mal mit einem Kaffee Pause machen und den Windrädern zusehen.
In wenigen Tagen feiert der Sport-Club das 25-jährige Jubiläum seines Nachwuchsleistungszentrums, das im September 2001 eröffnet wurde. Ihr zählt beide zu den Urgesteinen der FFS. Erzählt doch kurz, wie und wann ihr damals beim SC gelandet seid.
Wohlfarth: Mein Bruder Steffen hat beim Sport-Club ein Probetraining gemacht und die Möglichkeit bekommen unter Christian Streich in der A-Jugend zu spielen. Das Internat war damals noch nicht fertiggestellt. Unsere Eltern meinten, dass er den Schritt vom Bodensee hierher nicht allein machen soll. Also habe ich statt in Konstanz in Freiburg studiert, wir haben eine WG gegründet und ich war sein Erziehungsberechtigter. Über Lutz Hangartner, der einer meiner Professoren war, ist dann der nähere Kontakt zum SC entstanden. Ich habe bei der Zweiten mittrainiert, der damalige Trainer Karsten Neitzel meinte, dass meine Leistungen zufriedenstellend seien – und auf einmal war ich selbst SC-Spieler.
Kiefer: Wie alt warst du, als du mit deinem Bruder in Freiburg eingezogen bist?
Wohlfarth: Da war ich 21, Steffen war 16. Es war eine sehr schöne gemeinsame Zeit. Anfangs noch direkt am Dreisamstadion, dann bald in der neueröffneten Fußballschule.
Kiefer: Mein Bruder hat neben dem Studium als Busfahrer für die Spieler aus dem Umland gejobbt. Irgendwann wurde mal eine Schicht frei, die ich übernommen habe – das war der erste Kontakt zum SC. Patrick Baier, mit dem ich während des Sportstudiums die B-Lizenz gemacht habe, meinte dann, dass der Verein noch einen Mannschaftsbetreuer für die U18 sucht und ob ich jemanden kennen würde, der sich für den Job eignet. Ich habe gesagt: „Ja: Das übernehme ich gerne!“
Eine Doppelfunktion also?
Kiefer: Mehr als das. Ich war Busfahrer, U18-Betreuer, habe Nachtdienste übernommen und war so ein bisschen Mädchen für alles. Nach dem Studium wurde dann die Stelle als Pädagogischer Leiter frei. Man kann festhalten: Ich habe den ganz normalen Weg beim SC genommen. (lacht)
Ihr habt den Bau der Fußballschule damals hautnah miterlebt. Erinnert ihr euch noch, wie die ersten Arbeitstage nach der Eröffnung waren?
Kiefer: Es hat alles nach Farbe gerochen, es war ein Erlebnis. Die Spieler waren vorher bei der Freiburger Turnerschaft untergebracht und haben darauf hingefiebert, hier einzuziehen. Dazu kam, dass ganz Deutschland nach dem schlechten Abschneiden bei der WM 1998 und der EM 2000 auf die Freiburger Fußballschule geschaut hat. Wir waren das Vorzeigemodell schlechthin.
Wohlfarth: Ich habe vor allem die Zeit vor der Eröffnung als wild empfunden. Wir haben mit der Zweiten Mannschaft beim PTSV Jahn auf einem Mini-Platz trainiert, uns vorher in einer kleinen Kabine im Dreisamstadion umgezogen und haben unsere Heimspiele zum Beispiel in Stegen oder im Uni-Stadion ausgetragen. Die A-Jugend hat teilweise in Heitersheim gekickt. Dann sind wir hierher umgezogen und haben totalen Luxus vorgefunden: Tolle Trainingsplätze, moderne Kabinen, eine Rasenheizung…
Kiefer: …und eine richtige Heimat. Hier gab es alles an einem Platz, vorher war alles zersplittert.
Wohlfarth: Das war echt cool und ein ganz neues Gefühl.
Gibt es eine besondere Erinnerung, die ihr mit dieser Zeit verbindet?
Wohlfarth: Ja! Nach der Eröffnung der Fußballschule gab es beim damaligen Saunabereich zunächst ein Entmüdungsbecken. Das fanden wir super. Da war ich nach dem Training dreimal drin, dann war es plötzlich gesperrt und schließlich verschwunden. Warum auch immer.
Kiefer: Oh, das weiß ich: Eigentlich war das Becken für Aquajogging mit verletzten Spielern gedacht. Dann wurde schnell klar, dass es sich von den Kosten und der ständigen Überwachung der Hygienebedingungen nicht rentiert und es günstiger ist, wenn man mit den zwei, drei Leuten, für die das über das Jahr in Frage kommt, einfach ins Faulerbad geht. (lacht)
Seit den Anfängen sind über zwei Dekaden vergangen. Gibt es Konstanten, die über all die Jahre gleichgeblieben sind?
Kiefer: Ich finde, dass die Atmosphäre und der gemeinsame Austausch damals und heute etwas Besonderes sind. Die Wege sind kurz, wir haben viele Teamsitzungen in kleinen und großen Runden. Aber ganz viel passiert auch auf den Fluren, in der Teeküche, beim gemeinsamen Mittagessen.
Wohlfarth: Das finde ich auch. Ich freue mich auch nach 25 Jahren jeden Tag aufs Neue auf die Leute, die Atmosphäre, das ganze Drumherum. Das geht übrigens nicht nur uns so. Tom Starke, der damals U19-Torwarttrainer bei den Bayern war, meinte mal am Rande eines Spiels zu mir: „Domi, zu euch komme ich immer gern. Das ist Fußball, das ist Atmosphäre!“
Das kann ich bestätigen. Ich weiß von vielen Kolleginnen und Kollegen, mich eingeschlossen, dass sie es sehr genießen, wenn sich die Möglichkeit ergibt, mal einen Tag oder ein paar Stunden hier zu verbringen. Was macht für euch den Charme der Fußballschule aus?
Kiefer: Die Architektur spielt, glaube ich, eine große Rolle. Die Fußballschule ist sehr hell, sehr offen gestaltet. Dadurch wird die Betriebsamkeit, die hier herrscht, nochmal verstärkt. Überall klappert es, überall ist was los. Das führt auch zu einem offenen Miteinander untereinander.
Wohlfarth: Manchmal hören wir von anderen Vereinen, dass man für jeden Bereich eigene Chipkarten braucht. Hier kannst du dich überall frei bewegen. Dazu kommt das Ambiente: Das ganze Drumherum mit dem Blick auf den Roßkopf und die umliegende Landschaft, macht einfach etwas mit mir.
Und wo beobachtet ihr die größten Veränderungen in eurer Arbeit?
Wohlfarth: In den Größenverhältnissen. Der Verein wächst und wir mit ihm. Es gibt immer mehr Trainer, immer mehr Flächenbedarf. Über die Jahre sind Sportpsychologen dazugestoßen, neue Staff-Rollen entstanden…
Kiefer: …ich kann mich noch an Zeiten erinnern, zu denen ein großer Tisch gereicht hat, damit alle Festangestellten gemeinsam beim Mittagessen sitzen konnten. Das geht heute nicht mehr – und spricht für den Erfolg des Vereins.
Ihr verbringt einen Großteil eures Tages mit der Aus- und Weiterbildung junger Menschen. Welche Werte versucht ihr den Spielern zu vermitteln?
Kiefer: Der Teamgedanke ist uns wichtig. Ein Auge für den Mitspieler zu haben, dabei zu helfen, neue Internatsschüler zu integrieren und Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig wollen wir die Jungs fürs Leben schulen: Wir erklären ihnen, wie oft man die Wäsche wechselt, wie man sich schnell ein gesundes Essen zubereiten kann, das über Spiegelei hinausgeht, oder auch wie man ein Bankkonto eröffnet.
Wohlfarth: Ich finde, man merkt vielen Fußballschülern, denen der Weg in den Profibereich gelungen ist, an, dass sie ein gewisses Wertesystem besitzen, und dieses auch nach außen tragen. Vieles kommt sicher aus dem Elternhaus, aber ich glaube, wir haben daran mit unserer Art zu arbeiten auch einen Anteil.
Kiefer: Bei uns müssen alle mit anpacken.
Wohlfarth: …und da geht es auch nicht immer nur ums Geld sparen (lacht). Es ist eine Philosophie-Frage.
Kiefer: Das ist das Schöne: Wir müssen uns um die Jungs, die den fußballerischen Weg nicht gehen, in der Regel keine Sorgen machen.
Die Arbeit im Juniorenbereich bringt es mit sich, dass ihr jedes Jahr aufs Neue Spieler gehen seht, deren Weg beim Sport-Club früh endet. Wie geht ihr damit um?
Kiefer: Das ist manchmal schon eine harte Nummer. Wir lernen die Spieler in unseren Rollen als Pädagogen und Trainer gut kennen und wollen ihnen ein zweites Zuhause bieten. Dann tut es brutal weh, wenn sportliche Entscheidungen getroffen werden, die das Ende bei uns im Nachwuchsleistungszentrum bedeuten.
Wohlfarth: In vielen Fällen halten wir aber noch jahrelang Kontakt. Dass man auch im Alltag immer wieder zufällig ehemaligen Fußballschülern begegnet, und sieht, wie vielfältig die Lebenswege sind, ist für mich einer der schönsten Aspekte an der Arbeit.
Kiefer: Genau. Das Fußballschulenfest, zu dem viele Ehemalige kommen werden, wird sich anfühlen wie ein riesiges Familientreffen. Darauf freue ich mich richtig.
Interview: David Hildebrandt
Fotos: SC Freiburg
Zu den Personen:
Markus „Düse“ Kiefer (Jahrgang 1975) ist seit 2003 pädagogischer Leiter der Freiburger Fußballschule. Vorher war er während seines Studiums der Sport- und Sozialwissenschaften in unterschiedlichen Bereichen der Fußballschule tätig. Er ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland e.V. und zertifizierter Jungenarbeiter.
Dominik Wohlfarth (Jahrgang 1978) stieß 2001 als Spieler der Zweiten Mannschaft zum SC. Seit 2007 ist der gebürtige Berliner und Vater dreier Kinder als Torwarttrainer verschiedener Jahrgänge von der U15 zur U23 in der Freiburger Fußballschule tätig. Aktuell trainiert Wohlfarth, der hauptberuflich Lehrer am Rotteck-Gymnasium ist, die Torhüter der U17-Junioren des Sport-Club.
Info: Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Freiburger Fußballschule veranstaltet der SC Freiburg am 26. und 27. September ein Jubiläumswochenende. Im Rahmen eines Tages der offenen Tür im Möslestadion sind Besuchende am Samstag, 26. September, herzlich zum Mitfeiern eingeladen. Die Entstehungsgeschichte und die Entwicklung der Fußballschule sowie ihre Besonderheiten können zudem vorab in der offiziellen Jubiläumsbroschüre nachgelesen werden.
