"Eine wunderbare Erfahrung"
Jeder Club hat seine Kultfiguren. Vor dem Spiel beim SC Paderborn kommt in unserem Stadionmagazin Heimspiel eine der Legenden des nächsten SC-Auswärtsgegners zu Wort: Christian Strohdiek.
Herr Strohdiek, als Leiter der SC Paderborner 07 Fußballschule sehen und bewerten Sie regelmäßig Nachwuchsspieler. Wenn Sie ein kleines Gedankenspiel mitgehen möchten: Wie würde Ihr heutiges Schulleitergutachten über den damals zwölfjährigen Christian Strohdiek ausfallen, der gerade frisch vom Dorfverein TuRa Elsen zur Jugend des SC Paderborn 07 gestoßen war?
Strohdiek:(lacht) Schöne Frage. Ich glaube, der Kerl wäre mir erst gar nicht so wirklich aufgefallen. Die Technik war okay, die Schnelligkeit in Ordnung. Aufgefallen wäre er mir wohl am ehesten durch seine Fähigkeiten als Teamplayer. Er hat immer alle mitgerissen, war sich auch für die Drecksarbeit nicht zu schade. Ich hätte als Leiter der Fußballschule jedenfalls nicht meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass es der Junge in den nächsten Jahrgang schafft.
Der noch nicht ganz so auffällige zwölfjährige Strohdiek hat das dann aber immer wieder geschafft. Wie denn?
Strohdiek: Heute bin ich ja 1,92 Meter groß. Mit zwölf Jahren war ich aber eher einer der Kleinsten im Team, der Wachstumsschub kam erst mit 15 oder 16 Jahren. Ich musste mich ein Stück weit immer mehr beweisen als andere, und das hat mich sicherlich angetrieben, auch immer mehr zu tun. Ich habe schon früh angefangen, an meinen Diagonalbällen zu arbeiten. Die wurden dann immer besser, sodass ich als Innenverteidiger auch einen guten Aufbau spielen konnte. Auch an meinem Defensivkopfball feilte ich sehr viel, ebenso an einem harten und präzisen Passspiel. Ich war also sehr fleißig – das wurde honoriert.
Wenn Sie die heutigen Gegebenheiten der Paderborner Fußballschule mit jenen von damals vergleichen: Was hätten Sie als Jugendlicher gerne schon gehabt, was für die heutigen Nachwuchsspieler eine Selbstverständlichkeit ist?
Strohdiek: In den letzten 26 Jahren hat sich da natürlich sehr viel entwickelt, alles ist professioneller, es gibt mehr zielführende Trainingsgeräte, mehr Testungen und Daten, viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die auch in die Arbeit einfließen. Vor allem im mentalen Bereich wurden wir damals bei weitem nicht so gut unterstützt. Gerade als Jugendspieler durchlebt man viele Höhen und Tiefen. Wie geht man mit Erfolg um? Wie mit Niederlagen? Mit Verletzungen? Mit Druck? Zwischen Glücksgefühlen und Selbstzweifeln liegt manchmal ein ganzes Tal. Die heutige Generation wird besser begleitet als wir früher.
Nach der U19 gelang Ihnen der Sprung in die zweite Mannschaft des SC Paderborn 07, im Jahr 2008 rückten Sie zu den Profis auf, debütierten dort 2009 in der 2. Liga. Und ein paar Jahre darauf spielten Sie dann sogar in der Bundesliga …
Strohdiek: Der Aufstieg 2014 war unfassbar. Bis heute muss ich mich manchmal noch kneifen, um zu realisieren, dass das wirklich wahr war. Als Kind und Jugendlicher schaust du die Sportschau, Ran und all die anderen Fußballsendungen. Du spielst auf dem Bolzplatz die Spielszenen der Bayern und Dortmunder nach. Und plötzlich stehst du selbst an einem Samstag um 15.30 Uhr auf dem Rasen, bist abends zur Prime Time im Fernsehen zu sehen. Was sollte danach noch kommen?
Es folgte jedenfalls eine Saison, die erste Bundesliga-Saison des SC Paderborn 07 überhaupt, in der Ihr Team bis zum letzten Spieltag Chancen auf den Klassenerhalt besaß …
Strohdiek: … was uns vor der Saison niemand zugetraut hatte, da prognostizierten alle Experten, dass wir sang- und klanglos absteigen würden. Aber wir hatten eine coole Truppe, eine eingeschworene Gemeinschaft. Bis heute ärgert mich das verlorene Auswärtsspiel auf Schalke am vorletzten Spieltag. Da waren wir so viel besser als der Gegner, müssen das Ding eigentlich gewinnen, verlieren am Ende aber unglücklich mit 0:1. Holen wir da einen Dreier … naja, am Ende mussten wir runter.
Sie kamen aber wieder zurück, spielten in der Saison 2019/20 erneut erstklassig – und wieder gelang es dem Sport-Club aus Paderborn, diesmal mit Ihnen als Kapitän, den Sport-Club aus Freiburg auswärts zu besiegen.
Strohdiek: Der Dreier am 19. Spieltag gab uns sicherlich noch einmal ein wenig Hoffnung, nach der Hinrunde hatten wir schließlich mit zwölf Punkten auf dem letzten Platz gelegen. Am Ende war der Abstieg aber doch recht eindeutig. Und dennoch war es natürlich noch mal eine wunderbare Erfahrung, 1. Liga zu spielen.
Nun ist dem SC Paderborn 07 zum dritten Mal in seiner Vereinsgeschichte der Aufstieg in die Bundesliga gelungen. Angesichts der bisherigen Freiburger Heimbilanz dort passt es vielleicht ganz gut, nächste Woche erst mal in Paderborn anzutreten …
Strohdiek: (schmunzelt) Wird aber auch nicht leicht! Wir haben eine tolle und willige Mannschaft mit einem sehr guten Trainerteam. Die Mannschaft will möglichst attraktiven Offensivfußball zeigen und nimmt auch die Aufgabe an, viel arbeiten zu müssen, um die Liga halten zu können. Die Partie zwischen den beiden Sport-Clubs dürfte sehr spannend werden – wie auch die gesamte Saison.
Interview: Christian Engel
Foto: Imago Images
Bildunterschrift:Christian Strohdiek (38) stieß als Zwölfjähriger zur Jugend des SC Paderborn 07. Im Jahr 2008 kam er zu den Profis, für die der Innenverteidiger in der Folge insgesamt 271 Pflichtspiele absolvierte (acht Tore). Heute ist Strohdiek Leiter der Fußballschule des Vereins aus Ostwestfalen.
Dieser Text erschien erstmals in unserem Stadionmagazin Heimspiel, das es hier im Abo gibt.
