Taktikschule: Offensive Innenverteidiger
In der kleinen Heimspiel-Taktikschule erklärt Martin Schweizer, Sportlicher Leiter der Freiburger Fußballschule, warum es sinnvoll ist, dass Innenverteidiger die Offensive immer wieder unterstützen – wie einst Franz Beckenbauer.
Herr Schweizer, bei Ballbesitz rücken Außenverteidiger nach innen, Sechser kippen in die letzte Linie ab, und Neuner bieten sich auch mal im Zehner- oder Sechserraum an. Innenverteidiger agieren dagegen im Spiel mit Ball meist noch positionsgetreu als Passgeber – quasi moderne Spielmacher – aus der letzten Linie. Werden künftig auch Innenverteidiger im Spiel mit Ball öfter ihre Position verlassen, um Überzahl in offensiven Räumen zu schaffen, wie es bei den Bayern einst – noch als Libero – stilbildend Franz Beckenbauer vormachte oder später auf ganz andere Art der Innenverteidiger Lucio? Beim SC hat Max Rosenfelder beispielsweise ein ausgesprochenes Talent für eine solche Interpretation der Position.
Schweizer:Möglich, dass es so kommen wird. Wenn – wie von Ihnen beschrieben – das Spiel mit Ball aktuell immer flexibler wird, liegt das aus meiner Sicht mit daran, dass viele Teams wieder Mann-gegen-Mann verteidigen. Spielst du statisch, kannst du eine Mann-Mann-Defensive kaum knacken. Viel eher klappt das durch flexible Positionswechsel. Lösen sich nun auch Innenverteidiger – bei uns kurz IVs genannt – bei Ballbesitz vermehrt aus ihrer angestammten Position, wäre das ein weiterer Schritt in dieser Entwicklung. Unabhängig davon ist klar: IVs müssen heute – neben gutem Verteidigen – unbedingt auch Qualitäten im Spiel mit Ball mitbringen. Dazu gehört auch das Dribbling. Hat ein IV im Aufbau viel Wiese vor sich, ist es ein enormer Vorteil, schnell und raumgreifend andribbeln zu können. Läuft ihn ein gegnerischer Stürmer an, sollte er den auch mal per Dribbling aussteigen lassen. So kann ein aufrückender IV für Überzahl und Verwirrung sorgen, zumal beim Gegner meist unklar ist, wer ihn aufnehmen soll.
Besonders eindrucksvoll sind Vorstöße eines IVs, wenn er bei einem versuchten kurzen Anspiel vorprescht und dann mit Ball am Fuß weiter vorwärts stürmt.
Schweizer:Ja. Die Dynamik, die dann ins Spiel kommt, löst mitunter sogar ein Raunen im Stadion aus. Denkbar sind aber auch andere Szenarien. Etwa dass ein IV nach vorne durchläuft und dann per langem Ball am seitlichen Sechzehner angespielt wird, um quer vors Tor köpfen zu können – ein Muster, das oft bei Rückstand in Schlussphasen angewandt wird. Und tatsächlich ist die Frage zulässig: Warum lässt man IVs nicht öfter mit nach vorn gehen, wenn das für den Gegner unangenehm ist?
Vielleicht einfach weil Innenverteidiger als feste Anker dem sonst sehr fluiden Gefüge Stabilität geben und sie primär das absolute Heiligtum zu bewachen haben: das eigene Tor?
Schweizer:Deshalb sollten auch nie beide oder – beim Spiel mit einer defensiven Dreierkette – gar drei IVs gleichzeitig offensiv mitgehen, sondern nur einer, bei dem zudem klar sein muss: Wer sichert ihn ab? Das könnte ein einrückender Außenverteidiger oder ein zurückweichender Sechser sein. Willst du flexibel, also mit vielen Rochaden, spielen, ist es ja allgemein die Aufgabe des Coachs, dass daraus kein heilloses Chaos, sondern quasi ein geordnetes Chaos entsteht. Abläufe müssen klar sein, zumal die Spieler nach jahrelanger Ausbildung bei uns allgemein internalisiert haben müssen: Wir beobachten uns ständig, und wird ein wichtiger Raum frei, weil mein Mitspieler sich wegbewegt, orientiere ich mich automatisch da hin.
Halten wir fest: Der Innenverteidiger unserer Träume hält die Abwehr zusammen, spielt als Regisseur öffnende Pässe, dribbelt gegnerische Stürmer aus, sorgt durch Vorstöße für Überzahl in offensiven Räumen und wird dabei zudem – auch aus dem Spiel heraus – torgefährlich. Wie bildet man Spieler aus, die all dem zumindest in Ansätzen gerecht werden können?
Schweizer:An der Freiburger Fußballschule bilden wir bis inklusive der U16 positionsflexibel aus. Bis dahin sollen die Spieler unterschiedliche Positionen kennengelernt haben, selbst wenn dadurch eventuell mal eine Partie nicht gewonnen wird. Erstens entsteht so Verständnis für den Mitspieler und dafür, wie man ihn am besten anspielt, am besten dadurch, dass man dessen Position aus eigenem Erleben kennt. Zweitens kannst du ein Team nur flexibel spielen lassen, wenn die Spieler auf mehreren Positionen zurechtkommen. Denn – um zum IV zurückzukommen – natürlich wird ein Profi-Innenverteidiger eher dann Offensivqualitäten haben, wenn er in der Jugend auch auf offensiven Positionen gespielt hat.
Interview: Timo Tabery und Uli Fuchs
Dieser Text erschien erstmals in unserem Stadionmagazin Heimspiel, das es hier im Abo gibt.
