Die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen steigern

Verein
24.02.2026

In der kleinen "Heimspiel"-Taktik-Schule erklärt Julian Wiedensohler, U19-Trainer, heute, was Raumkontrolle bedeutet, dass sie Siege nachweislich wahrscheinlicher macht – und wie die ermittelten Werte im Trainingsalltag genutzt werden.

Herr Wiedensohler, schon wieder so eine Neuheit: Was hat es mit dem Begriff „Raumkontrolle“ auf sich?

Wiedensohler: Definiert man für jeden der 22 Spieler auf dem Feld den Raum, den er vor jedem anderen Spieler erreichen kann – sodass er diesen Nahbereich um sich herum also quasi „kontrolliert“ –, dann ergibt sich eine geometrische Zerlegung des Spielfelds. Diese sogenannten „Voronoi-Visualisierungen“ zeigen folglich auf, welches Team welche Flächen auf dem Feld jeweils aktuell kontrolliert. Neben den reinen Positionsdaten sind dabei allerlei weitere Variablen mit eingerechnet. Etwa, steht der Spieler oder ist er in Bewegung? Wie ist sein individuelles Sprintvermögen? Wie ist seine Körperausrichtung? Denn natürlich startet ein Spieler aus dem Stand langsamer als aus der Bewegung. Ein schneller Spieler kontrolliert mehr Raum als ein langsamerer. Zudem kontrolliert er mehr Raum frontal vor sich als in seinem Rücken ...

… da er sich, um im Rücken hinzukommen, erst drehen müsste.

Wiedensohler: Bei alldem kommt der Raumkontrolle im letzten Spielfelddrittel und ganz besonders in der gegnerischen Box statistisch die herausragende Bedeutung zu: Schaffst du es hier, vor dem gegnerischen Tor, von wo aus Tore erzielt werden, mehr Raum zu kontrollieren als der Gegner entsprechend vor deinem Tor, gewinnst du mit hoher Wahrscheinlichkeit das Spiel.

Stellt sich also die Frage: Wie schaffe ich das?

Wiedensohler:Aus meiner Sicht kommt es auf dreierlei an. Erstens die Frequenz: Heißt, ich muss gefährliche Aktionen vor dem gegnerischen Tor möglichst häufig herbeiführen. Zweitens die Qualität: Bedeutet, dass ich mich bei diesen Aktionen gut verhalten muss, also zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Pass in die Box zu spielen. Zudem müssen Laufwege und Timing der Spieler in der Box passen. Erling Haaland von Manchester City zum Beispiel liefert da bestes Anschauungsmaterial für das Gespür, sich abzusetzen und quasi Schwung zu holen, um dann Richtung Abseitslinie und Tor zu starten, sodass er durch den Bewegungsvorsprung Kontrolle über den Raum hinter den Verteidigern gewinnt ...

Kommt eine Flanke dann da hin, sind die Verteidiger quasi chancenlos und Haaland muss nur noch einnicken.

Wiedensohler: Genau. Zudem können wir zusätzliche Raumöffnungsmechanismen trainieren: etwa den kurzen Pfosten gezielt zu belaufen und damit Gegner dorthin mitzuziehen, um den Raum um den Elfmeterpunkt für einen nachrückenden Mitspieler zu öffnen. Neben der Frequenz und Qualität solcher Aktionen kommt es als dritten Faktor schlicht auf Quantität an. Sprich: Mit jedem Spieler mehr, der in der gegnerischen Box ist – bei Spitzenteams oft sechs oder sieben – steigt die Chance auf einen Torerfolg. Tore fallen ja bei Weitem nicht nur quasi klinisch herausgespielt, stattdessen sind oft Abpraller, zweite Bälle im Spiel. Die Wahrscheinlichkeit, diese Bälle zu bekommen, können wir durch Manpower in der Box zu steigern versuchen. Wo viele Spieler sind, sind viele Füße, sodass der Ball eher vor einem von ihnen landet.

Damit kann ich meine Raumkontrollwerte in der gegnerischen Box verbessern, was – wie Sie schon sagten – statistisch ein  starker Indikator für Sieg und Niederlage ist. Das lässt die Statistiker natürlich jubeln, aber was ist der praktische Nutzen für Sie als Fußballtrainer?

Wiedensohler: Mit diesen Voronoi-Darstellungen lässt sich den Spielern visuell eingängig zeigen, wie sehr man die Fläche, die man kontrolliert, mitunter vergrößern kann, wenn man seine Position nur minimal verändert. Bewege ich mich etwa zwischen der Mittelfeld- und der Abwehrlinie des Gegners, biete ich mich besser nicht mittig zwischen diesen Linien an, sondern näher an der zu überspielenden Mittelfeldlinie. Dann muss ein gegnerischer Mittelfeldspieler sich erst drehen, um mich zu attackieren, während ein Abwehrspieler frontal nach vorn agieren kann. Raumkontrollwerte liefern zudem bei der Nachbereitung von Begegnungen gute Anstöße, etwa: Unsere Raumkontrolle war im Halbfeld und dann auch in der Box unter unserem Zielwert. Warum? Dann Spielszenen einzeln zu analysieren und zu interpretieren, wie die Werte zustande kommen und was für Folgerungen daraus abzuleiten sind, kann das Tool dir aber auch weiterhin – zum Glück – nicht abnehmen.                     

Interview: Timo Tabery und Uli Fuchs

Bildunterschrift: Gute Raumkontolle: Die angreifende SC-U19 (dunkel) kontrolliert gut (grün markiert) die Räume im Strafraum und wird deshalb gleich durch den Spieler in der Mitte des Fünfmeterraumes die hereinfliegende Flanke zur Führung verwandeln.

Die kleine Taktikschule ist eine Rubrik in unserem Stadionmagazin Heimspiel, das zu jedem Heimspiel erscheint und auch als Abo erhältlich ist. 

 
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