"Ich muss mich kneifen"
Der Sport-Club hat mit dem 3:1-Sieg bei Celta Vigo seinen zweiten Halbfinaleinzug der Saison perfekt gemacht. Eindrücke aus der spanischen Hafenstadt Vigo.
Als der Abpfiff durch den englischen Schiedsrichter Anthony Taylor ertönte, waren die SC-Fans im Oberrang des Estadio Balaídos schon lange in Feierlaune. Denn spätestens nach dem 2:0 von Yuito Suzuki nach knapp 40 Minuten dürften selbst die größten Pessimisten an den Halbfinaleinzug des Sport-Club geglaubt haben.
Nach Hin- und Rückspiel stand es zu diesem Zeitpunkt in Summe 5:0 für den Sport-Club und die Heimmannschaft aus Galizien hatte noch nicht einmal aufs Tor geschossen. Die 1200 Fans sangen, jubelten, klatschten in der Abendsonne, die noch bis nach Spielende in den Schauplatz des historischen SC-Erfolgs leuchtete. „Die haben den besten Platz da drüben. Stehen in der Sonne und machen seit der 40. Minute Party“, sagte ein Kollege auf der Pressetribüne gegenüber des Gäste-Fanblocks. Er wäre auch gerne dort gestanden.
Ein trauriger Taxifahrer
Viele der SC-Anhänger, die aufgrund der Flughafen-Streiks teilweise abenteuerliche Anreisen auf sich genommen hatten, tummelten sich schon am Abend vor dem Duell mit Celta in der Altstadt Vigos. In den Bars und Restaurants sahen sie gemeinsam mit Spaniern den Halbfinaleinzug des FC Bayern München in der Champions League. Und hatten vielleicht die Hoffnung, gleiches einen Tag später mit dem SC in der Europa League zu erleben. Es war ein friedliches und fröhliches Zusammensein und der eine oder andere Einheimische verriet, er würde die Daumen für „Friburgo“, also Freiburg, drücken.
So auch der Taxifahrer, der mich und die Kollegen am Vorabend des Spiels durch die engen Straßen Vigos in die Altstadt fuhr. Ein Real-Madrid-Anhänger, mit dem wir im Auto die frühe Führung Madrids live im Radio erlebten. Er jubelte laut und wünschte uns dann viel Erfolg gegen Vigo. Später fuhr uns der gleiche Taxifahrer wieder zurück zum Hotel. Seine Stimmung war getrübt, er sei traurig, weil Madrid ausgeschieden ist.
Erinnerungsfotos aus Vigo
Am Spieltag war bis zum Anpfiff noch genug Zeit, Vigo zu erkunden. Die Luft roch würzig-süß und mischte sich mit dem Geruch nach Meer und Fisch, der aus dem Hafen, in dem auch riesige Kreuzfahrtschiffe Halt machen, in die am Hang gebaute Stadt zog. In den Kaffees und Restaurants saßen SC-Fans, genossen spanische Tapas in der Sonne, andere machten Erinnerungsfotos hoch oben über dem Hafen. Alle voller Vorfreude auf das besondere Spiel, wegen dem sie nach Vigo gereist waren.
Selbst aus Köln waren sie gekommen. Ein Mitglied des Kölner SC-Fanclub Veedel Füchsleerzählte gut gelaunt in einem Celta-Fanshop: „Wir freuen uns auf das Spiel, treffen Freunde hier unten und bleiben deshalb auch länger in Vigo.“
Fantastische Stimmung
Um 16 Uhr, knapp drei Stunden vor dem Spiel, trafen sich die Fans im Zentrum, um gemeinsam zum Stadion zu laufen. Ein friedlicher Fanmarsch, der im Fanblock endete. Im Stadion waren die SC-Anhänger lange Zeit fast die einzigen Fans. Das spanische Publikum kam tröpfchenweise an, erst eine Viertelstunde vor Spielbeginn waren die Tribünen gefüllt.
Und trotzdem herrschte im und vor dem Stadion eine besondere Stimmung. Die Celta-Fans bereiteten ihrer Mannschaft bei der Busankunft einen spektakulären Empfang. Der Bus der Heimmannschaft war in hellblau-weiß gehüllt, tausende Fans sangen und klatschten für ihr Team und riefen: „Ja, wir können das schaffen.“
Die Unterstützung ebbte auch nicht ab, als klar war, dass es Celta Vigo doch nicht schaffen würde - ein Tor wie ein Kunstwerk von Igor Matanovic und der erste von zwei Treffern Yuito Suzukis hatte die Hoffnung schon nach knapp 40 Minuten weitestgehend erstickt. Später würde SC-Sportdirektor Klemens Hartenbach im Mittelkreis stehen, auf die Fankurve Vigos blicken und den Fans respektvoll applaudieren.
„Unglaublich stolz“
Im anderen Fanblock wollten die SC-Fans gar nicht mehr aufhören, ihrer Mannschaft Applaus zu spenden und sie zu feiern. Wieder und wieder riefen sie die Spieler zu sich, die – wie nach einer Theater-Vorstellung, nach der sich der Vorhang am Ende einer Vorstellung ein ums andere Mal hebt – auch lange nach dem Spiel nochmals aus der Kabine gekommen waren und immer wieder auf ihre Fankurve zuliefen.
Als die Möwen bereits tief über dem Rasen kreisten, standen Philipp Lienhart und Vincenzo Grifo noch vor den Kameras und Mikrofonen der Medienvertreter/innen und ordneten den historischen Erfolg ein. „Unser zweites Halbfinale, ich bin unglaublich stolz“, sagte Grifo. Lienhart meinte: „Ich muss mich kneifen, um das alles zu realisieren.“
In der Altstadt prosteten sich die Fans mit dem ein oder anderen galizischen Bier zu. Die aus Köln angereisten Veedel Füchsle könnten überlegen, ihren Aufenthalt in der Region gleich um zwei Wochen zu verlängern. Dann spielt der SC zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte im Halbfinale der Europa League und gastiert zum Hinspiel bei Sporting Braga. Die Kleinstadt in Portugal ist nur eineinhalb Stunden von Vigo entfernt.
Isabel Betz
Fotos: DeFodi Images/Torbjorn Tande
