"Wir fühlen die Empathie aus Freiburg"

Verein
13.03.2026

Vier Jahre dauert der russische Angriff auf die Ukraine an. Ein Gespräch mit Lvivs Vizebürgermeister Andriy Moskalenko und Kulturkommissarin Natalia Bunda über die Lage in Freiburgs Partnerstadt und über das Traumahilfezentrum Maisternia.

Herr Moskalenko, was sind derzeit die größten Aufgaben, die Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen in der Stadtverwaltung von Lviv im vierten Kriegsjahr zu bewältigen haben?

Moskalenko: Es bedeutet viele tägliche Herausforderungen, für die Sicherheit und Versorgung der Menschen in Lviv zu sorgen. Der Winter war hart. Phasenweise hatten wir nur 18 Stunden Elektrizität pro Tag. Also arbeiten wir sehr konzentriert an der Widerstandsfähigkeit unserer Infrastruktur: Wasser, Heizung, Elektrizität. Wir fokussieren uns zudem auf wirtschaftliche und wissenschaftliche Innovation. Zwei der größten Universitäten der Ukraine befinden sich in Lviv. Und letztes Jahr waren wir europäische Jugendhauptstadt. Wir versuchen also proaktiv zu sein, um Tag für Tag stärker zu werden. Nicht zuletzt entwickeln wir unsere Stadt – auch in enger Kooperation mit unserer Schwesterstadt Freiburg – mit dem „Unbroken“-Zentrum gerade zu einem großen Knotenpunkt für Rehabilitation. Aktuell haben wir über 25.000 Kriegsverwundete aus anderen Gebieten der Ukraine bei uns. Veteranen und Zivilbevölkerung.

Neben der rein medizinischen Versorgung legen Sie dort im Rahmen des Maisternia-Projektes auch einen Fokus auf Traumabewältigung. Maisternia bedeutet Werkstatt. Was hat es mit dem Projekt auf sich, Frau Bunda?

Bunda: Wir wollen einen Ort erschaffen, an dem man Dinge mit den Händen herstellen kann, aber auch mit dem Herzen und mit dem Kopf. Unser Konzept ist es, neue Wege zu erschließen. Wenn wir etwas Neues lernen, setzen wir neue neuronale Verbindungen. Das hilft beim Heilen von posttraumatischen Belastungsstörungen. Es gibt hierfür den Begriff der posttraumatischen Entwicklung. Er beinhaltet, dass man dem Trauma einen Platz im Herzen einräumt und die Entscheidung trifft, ein neues Leben zu beginnen. Dafür ist Maisternia da. Das Erlebte anzunehmen und etwas Neues zu schaffen.  

Wie weit ist das Projekt fortgeschritten?

Bunda: Wir ertüchtigen dafür eine altes Heizkraftwerk. Es stehen die Wände und die Dächer. Wir planen in drei Abschnitten und sind derzeit dabei, den ersten fertigzustellen: Einen doppelt funktionalen Schutzraum, der auch als Vorlesungsraum dienen wird. Der zweite Teil wird eine Keramikwerkstatt. Außerdem wird es in einem vierstöckigen Gebäude Wohnräume für Mitarbeitende geben, welche wir für unsere Traumatherapie-Projekte engagieren. Neben einem Konferenzsaal gibt es auch Räume für individuelle Behandlungen, etwa Therapiesitzungen. In diesem Jahr werden wir den Schutzraum und die Keramikwerkstatt fertigstellen.

Lviv liegt tief im Westen der Ukraine und damit relativ weit von der Front entfernt. Wie präsent ist das Kriegsgeschehen im täglichen Leben?

Moskalenko: Als permanente Bedrohung. Zuletzt fanden sehr viele Angriffe über die ganze Ukraine verteilt statt. Immer wieder auch auf unsere Stadt. Vor etwas mehr als zwei Wochen gab es einen großen Terroranschlag im Stadtzentrum, bei dem zwei Menschen getötet wurden. Bei einem der bislang größten Angriffe, am 4. September 2024, wurden 189 Gebäude zerstört, und acht Mitbürgerinnen und Mitbürger verloren unmittelbar ihr Leben. In der Nacht waren mit dem Freiburger Bürgermeister Martin Haag auch Mitglieder der Freiburger Stadtverwaltung in Lviv.

Welche Rolle können unter diesen Umständen Bereiche wie Kultur und Sport spielen?

Bunda: Wir erleben, dass die Karten für Konzerte, für Theater, für Sportveranstaltungen immer ausverkauft sind. Die Menschen brauchen sichere Orte, an denen sie Emotionen spüren können. Viele Studien belegen den positiven Einfluss von Sport, Musik oder bildender Kunst auf das Befinden von traumatisierten Menschen. Also haben wir beschlossen, Kunst als Werkzeug zur Selbstheilung zu nutzen. Das gilt nicht nur für unsere Kriegsverwundeten, sondern für uns alle. Denn dieses Trauma ist ein kollektives. Es betrifft uns alle. Deshalb wird das Traumahilfezentrum Maisternia auch ein Ort für alle sein.

Moskalenko: Wir arbeiten auch daran, möglichst vielen Menschen, trotz der Gefahrenlage, Zugang zu Kultur- und Sportveranstaltungen zu ermöglichen. Mit Ruch und Karpaty haben wir zwei professionelle Fußballvereine in der Stadt. Die Ligaspiele finden statt, aber wenn die Luftschutzsirenen erklingen, müssen sie natürlich unterbrochen werden. Ein Spiel kann so manchmal mehr als vier oder fünf Stunden dauern. Wir müssen auch beschränken, wie viele Zuschauer in die Stadien dürfen, weil wir im Zweifel in der Lage sein müssen, alle rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Vielleicht haben sie mitbekommen, dass es vor einem Monat einen Angriff auf Lviv mittels Hyperschallrakete gab. Eine sehr gefährliche Waffe, die Russland zum Einsatz bringt.

Wie viel Zeit bleibt Ihnen, zu reagieren?

Moskalenko:  Die Geschwindigkeit dieser Waffe ist 13.000 km/h. Also können es weniger als zehn Minuten sein – wenn es überhaupt gelingt, sie zu orten. Drohnen sind auch ein Problem. Aktuell leben etwa 1.000.000 Menschen in unserer Stadt, darunter etwa 100.000 Kinder, die jeden Tag zur Schule gehen. Wenn die Sirenen ertönen, begeben sie sich in die Bunker und wenn die akute Gefahr vorbei ist, gehen sie zurück in den Unterricht und machen weiter. Das üben wir regelmäßig, denn für uns ist es sehr wichtig, dass Bildung offline, im persönlichen Kontakt, stattfinden kann.

Welche Rolle kann die Städtepartnerschaft zwischen Freiburg und Lviv in dieser Situation spielen?

Moskalenko: Die Partnerschaft mit Freiburg ist so wichtig und eng, wie es nur geht. Oberbürgermeister Martin Horn war einer der ersten ausländischen Bürgermeister, die unsere Stadt im Krieg besucht haben. Er hat angestoßen, dass Freiburg uns stark bei „Unbroken“ unterstützt, weshalb wir auch ein Stockwerk in der Hauptklinik nach Freiburg benannt haben. Wir fühlen die Empathie aus Freiburg und schätzen sie. Im Gegenzug sind wir auch sehr gerne bereit unser Wissen in Widerstandsfähigkeit zu teilen. Dass alle in dieser Welt auf vielfältige Herausforderungen vorbereitet sein müssen, haben die vergangenen Wochen gezeigt.

OB Martin Horn wird auch im Stadion sein, wenn Daria Kudriyk aus Lviv für und mit den SC-Fans singen wird. Außerdem ruft der SC seine Fans dazu auf, ihre Pfandbecher zu spenden und wird diese Spende ebenso verdoppeln wie die Stadt Freiburg wiederum den Endbetrag. Aber kann so eine Aktion überhaupt mehr als ein Tropfen auf einen heißen Stein sein?

Moskalenko: Lassen Sie mich etwas ausholen: 58.000 Bürgerinnen und Bürger von Lviv befinden sich gerade im Fronteinsatz. Fast jede Familie hat Mitglieder an der Front. Ich selbst komme gerade von einer Beerdigung, bei der wir zwei Gefallenen unseren Respekt zollten. Das haben wir Tag für Tag. Das aber ist der Preis, den wir für unsere Unabhängigkeit zahlen müssen. Wenn wir den nicht zahlen würden, hätten wir heute unser Land nicht mehr. Und ehrlich gesagt wäre es ohne die Unterstützung der Länder, Städte und ihrer Bürger, die die Werte verstehen und teilen, für die wir kämpfen, zu kompliziert, in diesem Krieg zu bestehen. Deshalb kämpft Russland auch mit Mitteln der Propaganda, um diese Unterstützung zu schwächen. Für uns ist die moralische Unterstützung jedes einzelnen Menschen außerhalb der Ukraine sehr, sehr wichtig – ganz unabhängig vom Beitrag, den sie oder er leistet. Weil die Haltung der Menschen das Handeln ihrer Regierungen bestimmt. Und die treten dann umso entschiedener auf, wenn sie wissen und spüren, dass ihre Bürger in dieser Sache einig sind.

Dieses Interview wird von Menschen in einem Fußballstadion gelesen, die nur einige hundert Kilometer entfernt einer völlig unbeschwerten Freizeitgestaltung nachgehen. Fühlt sich das komisch für sie an?

Bunda: Nein. Und ich persönlich möchte auch nicht, dass Sie und die Menschen im Stadion zu 100 Prozent nachvollziehen können, was es bedeutet, im Krieg zu leben. In dieser Zeit haben wir hier sehr wichtige Dinge verstanden: Dass man die richtigen Prioritäten im Leben setzen muss. Und die Zeit wertzuschätzen, die man mit Menschen verbringen kann, mit denen man etwas Schönes verbindet. Deshalb freue ich mich für Sie.

Moskalenko: Ich bin ein großer Fan des Sport-Club und auch wenn ich leider wenig Zeit habe, Fußball zu schauen, bin ich immer über die Resultate informiert. Ich drücke euch fest die Daumen in allen drei Wettbewerben – vor allem in der Europa League.                

Interview: Alexander Roth (Zusammengefügt aus zwei Gesprächen am 6. und 7. März 2026)

Andriy Moskalenko ist Vizebürgermeister von  Lviv und Hauptkoordinator des Rehabilitationszentrums „Unbroken“.

Natalia Bunda ist Kommisssarin für Kultur in der Stadtverwaltung von Lviv und Projektleiterin von Maisternia. Maisternia ist das ukrainische Wort für Werkstatt. Mit Unterstützung aus Freiburg entsteht das Traumahilfezentrum eingebettet in das große und weiter wachsende Rehablilitationszentrum „Unbroken“. Ausführliche Informationen zu „Unbroken“ (in English) gibt es hier: Unbroken

 

 
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