"Für mich der einzig richtige Weg"

Verein
10.03.2026

Die Freiburger Fußballschule feiert in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag. Zum Jubiläum kommen im Stadionmagazin Heimspiel ehemalige Fußballschüler zu Wort, die sich an ihre Fußballschulzeit erinnern – und erzählen, wie ihr Leben nach dem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) weiterging. Dieses Mal: Dr. Vito Esposito.

Herr Esposito, kurz nach Ihrem 16. Geburtstag sind Sie vom FC Schaffhausen in die U17 des SC Freiburg gewechselt. Zur Saison 2001/02 war das, und in ihrem Internatszimmer müsste es noch nach frischer Farbe gerochen haben.

Esposito: Nicht mal das: Wie üblich hatte es auch bei diesem Bauprojekt ein paar Verzögerungen gegeben, sodass ich noch für ein paar Wochen bei der Freiburger Turnerschaft untergebracht wurde, wo bis zur Eröffnung der Freiburger Fußballschule die externen Nachwuchskicker des SC gelebt hatten. Dort schaute nur ab und an mal ein Pädagoge oder ein Trainer vorbei, und wir waren, positiv formuliert, sehr unabhängig (lacht).

Dann waren Sie also gar nicht froh, als das Internat der Fußballschule im Oktober 2001 schließlich bezugsfertig war?

Esposito: Doch, natürlich. Auch wenn noch einiges im Entstehen war, waren die Bedingungen in allen Bereichen einfach sehr viel besser. Nach kurzer Zeit übernahm dann Stefanie Nerling die pädagogische Leitung, und es kamen studentische Nachtaufsichten dazu, wie „Düse“ (Markus Kiefer, Anm. d. Red.), der heute der pädagogische Leiter der Fußballschule ist. So wurde die Betreuung auch jenseits des Trainingsplatzes umfangreicher.

Aber Sie und die anderen hatten doch bestimmt sowieso nur Fußball im Kopf.

Esposito: Eben. Und dann ist da jemand wie Steffi, die Romanistik und Germanistik studiert hatte, oder Düse, der sich in seiner Freizeit mit anderen zusammentat, um Filme zu drehen, die richtig gut, spannend und lustig waren. Wann kommt man als junger Fußballspieler, der voll fokussiert ist auf den Sport, schon mit so etwas in Berührung? Genau das aber macht Freiburg für mich aus: Die handelnden Personen sind zwar leidenschaftlich Fußballbesessene, aber wie Christian Streich, der damals mein U19-Trainer war, haben alle einen sehr weiten Blick für andere Themen. Das war für die Persönlichkeitsentwicklung von uns Fußballschülern von enormem Wert. Auch oder gerade, weil wir alle nichts sehnlicher wollten, als Fußballprofi zu werden.

Wofür bei Ihnen die Chancen auch nicht schlecht standen.

Esposito: Schon allein die Tatsache, dass ich ins Internat aufgenommen wurde, war ja ein Fingerzeig. In meinem zweiten Jahr als B-Jugendlicher durfte ich auch schon einige Male bei der U19 mitspielen, mit Leuten wie Sascha Riether. Dann kam aber eine kleinere Delle auf dem Platz, während es auf dem Rotteck-Gymnasium schulisch sehr gut bei mir lief. In der Sommervorbereitung zu meinem zweiten Jahr in der U19 hatte ich ein langes Gespräch mit Christian Streich. Als wir da ausgesprochen hatten, dass es bei mir nicht auf Biegen und Brechen in Richtung Profi gehen muss, war irgendwie für uns beide der Druck raus. Gerade in den Anfangsjahren der Fußballschule standen die Trainer schließlich unter enormem Druck – auch selbstgemachtem –, Spieler an die Profimannschaft heranzuführen.

Und trotzdem ging es für Sie weiter.

Esposito: Ich habe dann zwar noch mehr Fokus auf die Schule gelegt, aber weiterhin schon ganz klar und engagiert trainiert. Ich war Kapitän, und sportlich ist es so gut gelaufen, dass ich am Ende der Saison in die U23 übernommen wurde. Wenn ich alles darauf gesetzt hätte, hätte es wohl für die 3. Liga, maximal vielleicht sogar die 2. Liga reichen können. Das war auch das Gefühl, das über die U19-Saison hinweg in vielen Gesprächen mit Christian Streich entstanden ist. So bin ich in mein erstes Jahr bei der U23 gegangen, wo mir dann aber endgültig klar wurde, dass ich nicht alles auf diese Karte setzen wollte. Also fing ich nebenher mit dem Jurastudium an.

War die Erfahrung aus einem NLZ, aus einer Jugend im Leistungssport, auch eine Hilfestellung beim Studium?

Esposito: Definitiv. Ich habe sehr viel aus der Zeit in der Freiburger Fußballschule mitgenommen. Man spielt nicht auf dem Niveau Fußball, wenn man nicht in gewisser Weise auch ehrgeizig und diszipliniert ist. Resilienz und Widerstandsfähigkeit etwa sind Eigenschaften, die ich beim SC weiterentwickeln und auch im Jurastudium gut gebrauchen konnte. Als sich dort nach vier Jahren Studium alles auf zwei Wochen zuspitzte, in denen man auf den Punkt die Leistung abrufen muss, hatte ich mit solchen Prozessen schon meine Erfahrung aus dem Leistungssport. Viele Kommilitoninnen und Kommilitonen aber hatten damit wirklich schwer zu kämpfen. In dem Moment ist mir bewusst geworden, wie viel ich von meinen Erfahrungen profitierte – und es bis heute im beruflichen Alltag tue.

Der Begriff „Profifußballer“ findet sich in Ihrer beruflichen Vita aber nicht.

Espositio: Nein. Mit Jura hatte ich mich für ein sehr aufwendiges Studium entschieden. Und im Leistungssport kumuliert sich jede Trainingseinheit, die man weniger macht, wenn man morgens in den Vorlesungssaal geht. Über einen gewissen Zeitraum geht so einfach eine Leistungsschere auf. Und nach einem Jahr war es für mich dann auch vollkommen in Ordnung, dass es nicht mehr weiterging, jedenfalls beim SC II.  In die Fußballschule bin ich aber nochmal zurückgekehrt.

Als Jurist?

Esposito:Nein, als Jugendtrainer. Klemens Hartenbach, der damals der sportliche Leiter der Fußballschule war, hat mich 2009, mitten in der Examensvorbereitung, angesprochen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, Nachwuchstrainer zu sein. Da es sich zeitlich vereinbaren ließ, habe ich das dann gerne gemacht. Das waren drei sehr spannende Jahre. Christian Streich war noch Trainer dort und auch Lars Voßler (seit 2011 Co-Trainer der SC-Männer, Anm. d. Red.), mit dem ich in der Zwischenzeit beim FC Emmendingen zusammengespielt hatte. Mit ihnen im selben Trainerbüro konnte ich aus neuer Perspektive erleben, was ich zehn Jahre davor aus Spielerperspektive erlebt hatte, konnte hinter die Kulissen schauen. Parallel habe ich erst mein Examen gemacht und dann meine Doktorarbeit geschrieben. Da mich das Thema Fußball einfach nie loslassen wollte, hatte ich auch im Studium und später im Referendariat entsprechende Schwerpunkte gesetzt. In meiner Dissertation habe ich mich schließlich mit dem EU-Kartellrecht unter besonderer Berücksichtigung der „50+1“-Regel auseinandergesetzt. Heute arbeite ich bei der DFL und bin interessanterweise immer noch eng mit dem Thema befasst.

Beruflich sind Sie also fast tiefer in den Profifußball vorgedrungen, als es auf dem Platz möglich ist.

Esposito: (lacht) Wenn man so will. Ich bin jetzt schon über elf Jahre hier in Frankfurt bei der DFL, wo ich 2014 in der Rechtsabteilung angefangen habe und mich über die Jahre in den medienrechtlichen Bereich entwickelt habe. Aktuell bin ich Direktor für einen Bereich, der sich kaum aussprechen lässt (Institutionelle und politische Beziehungen & Regulierung, Anm. d. Red.). Und ich kann sagen: Die Zeit in der Freiburger Fußballschule war mit prägend für meine akademische und berufliche Laufbahn.

Und was würden Sie Hardlinern entgegnen, die sagen: „Was kümmert ihr euch um schulische Belange oder sprecht über Gott und die Welt mit den jungen Kickern, wo die doch nur Profi werden sollen.“

Esposito: Dass ihre Denkweise falsch ist. Natürlich kann immer alles ausgereizt werden. Man kann aber auch kurz innehalten und sich fragen: Wie wollen wir den Profifußball aufstellen? Oder im Falle der Fußballschule: Wie wollen wir Jugendarbeit betreiben? Stellt man sich diese Fragen, kommt man sehr wahrscheinlich schnell auf gewisse Grundwerte. Klar befinden wir uns hier in einem Profibetrieb, und der ist natürlich darauf ausgerichtet, Profifußballer heranzuziehen und Profifußball zu vermarkten. Aber am Ende des Tages steht da ein Mensch dahinter, bei dem Fußball in einer Lebensphase zwar sehr viel, aber längst nicht alles ausmacht. Und nach dem Fußball ändern sich die Verhältnisse auch wieder völlig, werden andere Persönlichkeitsaspekte wieder wichtiger. Da wäre es doch fahrlässig, den Bereich außerhalb des Fußballs außer Acht zu lassen. Für mich ist der Freiburger Weg deshalb eigentlich der einzig richtige.

Aber interessiert das im Milliardengeschäft, das der Fußball längst geworden ist, überhaupt noch?

Esposito: Natürlich gibt es Konsumentinnen und Konsumenten, denen es eher egal ist, wie die Höchstleistungen zu Stande kommen, die einfach gut unterhalten sein wollen. Das ist auch legitim. Aber allen, die tiefer in der Thematik stecken, bleibt nicht verborgen, was ich sehr erfreulich finde: Dass die Freiburger seit vielen Jahren den Beweis liefern, dass ihr Weg auch sportlich ein erfolgreicher ist. Ich weiß natürlich, dass es zur Freiburger DNA gehört, nicht groß zu tönen. Aber es lässt sich festhalten, ohne dass die Kollegen in Freiburg jetzt die Stirn runzeln müssten, dass der Sport-Club – nicht zuletzt dank seiner Ausbildungsphilosophie – ein gefestigter Bundesligist ist. Einer der Jahr für Jahr um die Qualifikation für die europäischen Wettbewerbe spielt. Das spricht doch für sich selbst.              

Interview: Alexander Roth

Bildunterschrift: Dr. Vito Esposito wurde am 8.7.1985 geboren. Zwischen 2001 und 2005 spielte er für die U17, U18, U19 und U23 des SC. Heute ist er Direktor Institutionelle und politische Beziehungen & Regulierung bei der DFL GmbH. Von 2009 bis 2012 war Vito Esposito (stehend, fünfter von links) auch Teil des Trainerteams der Freiburger Fußballschule.

Das Interview erschien erstmailg zum Heimspiel gegen Bayer 04 Leverkusen in unserem Stadionmagazin Heimspiel. 

 
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