"Verbessern, festigen, weitergeben"

Männer
12.01.2026

Uwe Vetter geht 2026 in sein 30. Jahr als Physiotherapeut beim SC Freiburg. Ein Gespräch mit unserem Stadionmagazin Heimspiel über kleine Schritte, große Erlebnisse, vier Abstiege – und eine Weltmeisterschaft.

Uwe, kaum zu glauben, da du bereits seit Sommer 1996 da bist, war das Heimspiel gegen den BVB am 14. Spieltag dein 1.000. Ligaspiel mit dem SC.

Vetter: Eine Wahnsinnszahl, wenn ich mir das so recht überlege. Vom Team habe ich ein Trikot mit der 1.000 hintendrauf bekommen. Und bei allen außer zweien war ich auch tatsächlich im Einsatz. Einmal hatte ich eine Prüfung nach einer Fortbildung und einmal Corona.

In Hamburg hat dein 2014 verstorbener Berufskollege Hermann Rieger in seinen 26 Jahren beim HSV wahren Kultstatus erreicht und sogar seinen eigenen Fanclub. Macht das nicht ein wenig neidisch?

Vetter:(lacht) Nein, gar nicht. Hermann war ein wunderbarer Mensch, den ich ja zum Glück noch kennenlernen durfte. Er hat den Job total geliebt und einen eigenen Fanclub hat er auch mehr als verdient. Beim SC müssten wir dann aber sehr viele Fanclubs für Mitarbeitende haben. Hier sind schließlich viele Leute schon sehr lange dabei, nicht nur ich. Personelle Kontinuität gehört einfach zu uns und tut uns gut.

Du kamst in einer Zeit zum SC, als die Entwicklung hin zu Kontinuität auf vielen Ebenen gerade ihren Anfang nahm. Volker Finke ging als Trainer in sein sechstes Jahr, die Freiburger Fußballschule war noch nicht viel mehr als ein Gedankenspiel. Wie blickst du zurück?

Vetter: Es war generell eine Zeit, in der permanent versucht wurde, die Infrastruktur zu verbessern, ohne wirklich die finanziellen und personellen Möglichkeiten dazu zu haben. Nachdem ich angefangen hatte, wollten wir zum Beispiel einen eigenen Physioraum einrichten. Geld war dafür keines da. Also hat mein Nachbar aus Wyhl mir geholfen, den Boden zu verlegen. Die Wände habe ich selbst gestrichen. Das war zwar improvisiert und hat mich ein paar Tage meines Urlaubs gekostet, aber danach waren wir wieder einen Schritt weiter. Vom Gefühl her hat damals jeder alles gemacht, weit über den eigentlichen Kernjob hinaus. Was natürlich sehr interessant war – und dafür gesorgt hat, dass die Zeit wahnsinnig schnell rum ging (lacht).

Trotzdem fandest du noch die Zeit, dich neben der Physiotherapie in den Bereich der Ernährung einzuarbeiten.

Vetter: Damit habe ich mich schon beschäftigt, als ich selbst noch Amateur-Fußballer beim SV Endingen war. Wie schaffe ich es über Ernährung, am Spieltag so viel wie möglich Energie abrufen zu können? Ich habe ich mich dazu kontinuierlich weitergebildet und kümmere mich beim SC jetzt auch schon seit etwa 15 Jahren um den Bereich.

Gab es in deinen Arbeitsfeldern große Veränderungen über die Jahre?

Vetter: Da hat sich im Athletikbereich am meisten getan. Allein die Auswertungsmöglichkeiten über das Tracking machen den Spieler gläsern. Dadurch können wir im Team noch gezielter analysieren und so viel genauer und individueller steuern, was wir zu welchem Zeitpunkt in welcher Intensität machen. Es gibt aber auch noch einiges, das ich heute genauso handhabe wie am ersten Tag.

Zum Beispiel?

Vetter: Mir war von Anfang an immer sehr wichtig, alles zu dokumentieren. Was für eine Verletzung gab es, wie bin ich damit umgegangen, wie haben wir therapiert? Das habe ich mir immer alles aufgeschrieben und werde das auch weiterhin machen. Jeden einzelnen Fehltag jedes einzelnen Spielers. Ich weiß zum Beispiel genau, dass Karim Guédé zwei Jahre verletzungsfrei ohne einen einzigen Fehltag bei uns trainiert hat und kann jederzeit nachschauen, wie wir Gintes (Matthias Ginter, Anm. d. Red.) in seinem ersten Profijahr am Rücken behandelt haben. Das über einen langen Zeitraum zu begleiten und immer genau zu wissen, wo jeder Spieler gerade steht, wo man ihn mit der Arbeit abholt, das ist das Interessante. Das gibt das gute Gefühl bei der Arbeit, genau zu wissen, was man heute macht, um wieder ein Stück weiterzukommen.

Wie sind deine Abläufe rund um ein Bundesligaspiel?

Vetter: Bei einem 15.30-Uhr-Spiel bin ich kurz vor acht in der Küche, mache den Spielern ihr Porridge und kontrolliere, ob das Essen dem mit dem Koch abgesprochenen Speiseplan entspricht. Nach dem Frühstück schauen wir Physios, ob es mit dem ein oder anderen Spieler noch etwas zu machen gibt. Dann gibt es eine Mannschaftsbesprechung und manchmal noch eine kleine Trainingseinheit. Im Anschluss kleine Behandlungen und Tapeverbände. Das ist dann eine ziemliche Punktlandung auf den Moment, wo die Spieler zum Warmmachen rausgehen. Dabei schauen wir zu, damit wir sofort reagieren können, wenn da etwas wäre. Während des Spiels geht es mit den Mannschaftsärzten um die Erstversorgung auf dem Platz und nach dem Spiel gilt es, sofort jede noch so kleine Blessur zu überprüfen. Die nicht oder wenig gespielt haben, haben ja meistens schon am nächsten Morgen wieder voll Training und dafür sollen sie hundertprozentig parat sein. Es geht immer und ausschließlich darum, maximal für den Spieler da zu sein.

Gibt es Verletzungen aus den vergangenen Jahrzehnten, die dir noch besonders präsent sind?

Vetter: Viele. Aber ein Erlebnis steht über allem: der schlimme Unfall, den Ömer Toprak beim Kartfahren hatte und bei dem er extreme Verbrennungen erlitt. Der Chefarzt in der Spezialklinik in Tübingen hat gesagt: „Ob er jemals wieder Fußball spielen kann, können wir euch nicht sagen. Wir haben gemacht, was möglich war. Jetzt müsst ihr selbst schauen, wie ihr das hinbekommt.“  Und dann hat Ömer vom ersten Tag an Fortschritte gemacht. Es gab nie einen Rückschlag. Und dann hatte er diese großartige Profikarriere. Einfach wunderbar.

Wenn du nicht „Pokalfinale“ sagen dürftest, was wären dann deine persönlichen Höhepunkte?

Vetter: „Pokalfinale“ hätte ich natürlich gesagt (lacht). Das letzte Spiel von Nils Petersen war auch unvergesslich. Aber eigentlich tue ich mir schwer damit, einzelne Spiele oder Situationen herauszuheben. Tatsächlich waren die Momente, in denen feststand, dass wir in einer Saison nicht mehr absteigen können, immer sehr besondere für mich und sind es nach wie vor. Gleich in meiner ersten Saison sind wir abgestiegen, insgesamt habe ich vier Abstiege miterlebt. Das prägt. Ich weiß noch genau, wie Kalle Neitzel (ehemaliger Spieler und Co-Trainer, Anm. d. Redaktion) und ich immer überlegt haben: Wenn wir diese Saison nicht absteigen, haben wir mindestens zwei weitere Jahre Profifußball mit dem SC Freiburg gesichert. Das stand für alle immer über allem. Da ich wahnsinnig gerne reise, sind mir auch noch viele Erlebnisse von Trainingslagern oder Auswärtsfahrten in Erinnerung – der gute Streuselkuchen auf Langeoog und die wahnsinnig leckeren Apfelsinen in Portugal. Das mag komisch klingen, aber das sind Dinge, die ganz oben in meiner Erinnerung stehen. Und natürlich die WM.

Die Weltmeisterschaft?

Vetter: Ja. 2014 war Volker Finke Nationaltrainer von Kamerun und hat mich als Physio mit zur WM nach Brasilien genommen. Nach dem letzten Bundesligaspieltag sind wir montags losgefahren, zunächst in ein Trainingslager nach Österreich. Dann sind wir nach Kamerun gereist und hatten dort noch Freundschaftsspiele. Diese Woche allein war schon sehr beeindruckend. Mit Samuel Eto’o bin ich im Privatflieger nach Barcelona geflogen, wegen seines Knies. Ich habe tagelang bis nachts gearbeitet und war fix und fertig als ich wieder heimkam. Aber das war ein echtes Erlebnis. WM ist das eine, aber als Uwe Vetter aus Wyhl am Kaiserstuhl mit einem afrikanischen Land zur WM nach Brasilien zu fahren, ist nochmal was anderes – so lehrreich, schön und intensiv. Und pünktlich zur Vorbereitung war ich wieder zurück beim Sport-Club.

Und Urlaub?

Vetter: Gab es dann halt keinen. Ich bin auch unglaublich dankbar, dass meine Familie das über die ganzen Jahre mitgetragen hat. Tausend Spiele sind schließlich tausend Wochenenden. Das darf man nicht vergessen. Und da sind die Trainingslager und Spiele im DFB- oder Europapokal noch gar nicht dabei. Ich habe zwei Kinder, die inzwischen erwachsen sind. Auch mein Kollege Markus Behrens, mit dem ich jetzt auch schon seit über 25 Jahren zusammenarbeite, hat Kinder und die haben sich bei den Spielen dann immer hier getroffen und sind quasi miteinander aufgewachsen.

Man könnte fast sagen, sie sind mit dem SC groß geworden.

Vetter: Stimmt. Wenn Achim Stocker sehen könnte, dass wir jetzt hier in diesem großartigen Stadion spielen und von gegenüber losfliegen, zum Beispiel 2022 zum Pokalfinale nach Berlin – er würde umfallen und ich bekomme Gänsehaut, wenn ich mir das vorstelle. Diese Spanne von den Anfängen im Dreisamstadion über die Eröffnung der Freiburger Fußballschule bis zu diesem Punkt miterlebt zu haben, ist für mich der Antrieb. Wir müssen das erhalten und festigen, damit eine andere Generation das weiterführen kann. Gar nicht so einfach – aber es lohnt sich.

Interview: Alexander Roth

Foto: Imago Images

Dieses Interview erschien in unserem Stadionmagazin Heimspiel, das zu jedem Heimspiel des Sport-Club erscheint und auch als Abo erhältlich ist. 

 
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