"Diesen Titel will ich noch"
Jeder Club hat seine Kultfiguren. Vor dem Spiel bei RB Leipzig die Heimspiel-Redaktion mit eine der Legenden des nächsten SC-Auswärtsgegners gesprochen: Marcel Halstenberg.
Herr Halstenberg, wir sollen liebe Grüße ausrichten von Rene Türk, Ihrem Coach beim Kreisligisten SV Germania Grasdorf.
Halstenberg: Vielen lieben Dank! Grüße zurück.
Wir haben Herrn Türk vor unserem Gespräch zu Ihrer Einstellung und Ihrem körperlichen Zustand befragt. Seine Antwort: ein toller Charakter, ein immer noch ehrgeiziger Typ – und immer noch „komplett durchtrainiert“. Nur eine Frage liegt ihm auf dem Herzen, die wir hier an Sie weiterleiten: „Wie lange bleibst du uns noch erhalten, Marcel?“
Halstenberg: (lacht) Tja, das ist eine gute Frage. Vergangenen Sommer habe ich meine Profikarriere bei Hannover 96 beendet. Danach haben meine besten Kumpels und ich überlegt, wo wir nun weiter ein bisschen zusammen Fußball spielen können. Und da mein bester Freund beim SV Germania Grasdorf spielt, für die ich übrigens als Sechsjähriger auch anderthalb Jahre gekickt habe, gingen wir geschlossen dorthin.
Jetzt heißt es: Kreisliga statt Bundesliga.
Halstenberg: Und ich genieße es total. Vor allem darf ich häufiger im Sturm spielen. Als Profi war ich ja immer Verteidiger, nun darf ich mich vorne austoben, als Zehner oder gar als Neuner.
Wie schafft man es von einem Dorfclub wie dem SV Germania Grasdorf zu einem Bundesligaverein wie RB Leipzig, gar in die deutsche Nationalmannschaft?
Halstenberg:Mit viel Ehrgeiz, einer ordentlichen Portion Glück und viel Unterstützung der Eltern. Mit sieben Jahren wurde ich von Hannover 96 gesichtet und zum Probetraining eingeladen. Mein Vater fuhr mich zu jedem Training und zu jedem Spiel. Wenn er nicht konnte, übernahm meine Mutter. Und als mein fünf Jahre älterer Bruder, der in der Jugend auch für Hannover 96 spielte, seinen Führerschein hatte, fuhr ich ab und an bei ihm mit.
Bei Hannover 96 ging es nach der Jugend zunächst nicht bei den Profis weiter ...
Halstenberg: Ich spielte dort ein Jahr bei der U23, wechselte dann zur U23 von Borussia Dortmund. Diesen Schritt habe ich gebraucht, weil ich den Sprung von der U19 zu den Profis nicht gepackt hätte ohne den Zwischenschritt – da geht es einfach um Welten schneller und körperlicher zu als in der Jugend.
Der kontinuierliche Aufstieg hielt an: Von der U23 des BVB wechselten Sie 2013 zum Zweitligisten FC St. Pauli, zwei Jahre später innerhalb der Liga zu RB Leipzig.
Halstenberg: Wo wir dann auch auf den SC Freiburg stießen …
… unter anderem im berühmten Schneespiel im Dreisamstadion am 7. März vor bald zehn Jahren.
Halstenberg: Was für ein Spiel! Ich weiß noch, wie wir nach der Platzbegehung in die Kabine sind und kurz darauf jemand hereinkam und meinte, wir bräuchten die orangenen Bälle, es habe gerade angefangen zu schneien. Als wir dann zum Warmmachen raus sind, war plötzlich der ganze Platz voll mit Schnee. Wir sind nur rumgerutscht. Am Ende verloren wir auch noch mit 1:2. Aber die Partie bleibt natürlich in Erinnerung.
Was bei vielen Fans und auch bei Ihnen ebenfalls für immer in Erinnerung bleiben dürfte, war ein weiteres Aufeinandertreffen beider Clubs: im Mai 2022 …
Halstenberg: ... das DFB-Pokalfinale in Berlin. Der erste Titel von RB Leipzig.
Und bis heute weiß man nicht: Hätten Sie es damals aus RB-Sicht beinahe vermasselt oder haben Sie RB ungeplant gerettet?
Halstenberg: In der 57. Minute habe ich nach einer Notbremse gegen SC-Angreifer Lucas Höler die Rote Karte gesehen. Lasse ich ihn laufen, steht es möglicherweise 2:0 für den Sport-Club. So blieb es erst mal bei nur einem Tor Rückstand. In der Tat sagen viele rückblickend, dass dieser Platzverweis das Spiel nachhaltig verändert habe. Mit Elf gegen Elf haben wir uns unglaublich schwergetan, nach der Roten Karte hatte man plötzlich den Eindruck, hier könne nur noch der Sport-Club etwas verlieren. Wir waren dann besser im Spiel, glichen noch aus – der Ausgang ist bekannt.
Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie vom Platz mussten?
Halstenberg: Auf dem Weg in die Kabine habe ich gedacht: Nur wegen mir werden wir nicht gewinnen. Knapp anderthalb Stunden später war ich dann der glücklichste Mensch der Welt. Ich habe mich tausend Mal bei meinen Mitspielern bedankt.
Der nächste große Titel könnte diesen Sommer folgen: Der SV Germania Grasdorf liegt derzeit nur zwei Punkte hinter Tabellenführer SC Hemmingen-Westerfeld II. Kreisligameister wäre doch noch das i-Tüpfelchen auf Ihrer Karriere …
Halstenberg: (lacht) Das i-Tüpfelchen meiner Karriere waren definitiv die Nominierung und die neun Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft. Aber zur Kreisliga zurück: Mein Ehrgeiz ist ungebrochen. Also ja: Diesen Titel will ich auf jeden Fall auch noch holen – und danach schaue ich weiter.
Interview: Christian Engel
Foto: Imago Images
Bildunterschrift: Marcel Halstenberg (34) spielte zwischen 2015 und 2023 für RB Leipzig (240 Spiele). Er ist zweifacher DFB-Pokalsieger und neunmaliger deutscher Nationalspieler. 2025 beendete er seine Profilaufbahn bei Hannover 96, kickt noch in der Kreisliga und baut mit seinem Schwiegervater derzeit einen Bauernhof um.
Dieses Interview erschien in unserem Stadionmagazin Heimspiel, das zu jedem Heimspiel des Sport-Club erscheint und hier auch als Abo erhältlich ist.

