Lernen durch Spielen
Über 1.900 Trainer/innen wurden beim Kindertrainerzertifikat seit 2022 ausgebildet. Nun geht die Fortbildung in die Sommerpause – Zeit, sich vorher noch einmal vor Ort umzusehen.
Die Sonne scheint über dem Gelände der Freiburger Turnerschaft von 1844. Bei rund 30 Grad Außentemperatur ist es drückend warm in dem kleinen Seminarraum neben der Gaststätte HOKK. Und dennoch sind alle bester Laune – trotz der ersten beiden Stunden Theorie in dem engen Raum.
Leni, eine junge, sportliche Frau, möchte Trainerin werden. Auf die Frage, was sie aus der Theorie behalten hat, kommt die Antwort ohne langes Nachdenken: „Die Goldenen Regeln im Kinderfußball: Viel Spielen lassen, jedes Kind hat einen Ball, und maximale Spielzeit.“
„Ballaktionen ermöglichen“
Ben, der bereits beim JFV Dreisamtal ein Team trainiert und dessen Söhne selbst kicken, ergänzt: „Es geht darum, den Kindern ganz viele Ballaktionen zu ermöglichen. Sie sollen eher über das Spielen lernen, nicht nur über das Üben.“
Ihm ist bei der Theorie gar ein Licht aufgegangen. „In jeder Altersklasse sollte auch altersgerecht trainiert werden. Bei den Bambini, also der G-Jugend, steht das Spiel eins gegen eins im Vordergrund. Die Kleinsten haben noch kein Gefühl für das Kollektiv.“
Spaß steht im Vordergrund
Als die Gruppe aus 30 Teilnehmenden endlich auf den Rasen darf, steigt die ohnehin schon gute Laune weiter an. Schnell wird klar, dass bei der Fortbildung des Südbadischen Fußballverbands (SBFV) und des SC Freiburg, die immer zwei Präsenztage beinhaltet und nach dem letzten Lehrgangstag beim FV Lörrach-Brombach in die Sommerpause geht, der Spaß am Kicken im Vordergrund steht.
Kritiker mögen nun die Rufe aus der Politik wiederholen. Der Sport bei Kindern müsse wieder leistungsorientierter sein, hieß es dort zuletzt immer wieder. Als Beispiel wurden meist die Bundesjugendspiele bemüht, bei denen sich Leistung angeblich nicht mehr lohnen würde.
Leistung lohnt sich
Wer beim Lehrgang auf dem Gelände der FT dabei ist, kann sich jederzeit vom Gegenteil überzeugen. In allen Trainingsformen wird Leistung belohnt, wie etwa bei der Übung „Gladbach“.
Nachdem Referent Niklas Ziegler, der beim Südbadischen Fußballverband und beim SC Freiburg tätig ist, den Aufbau erklärt hat, fragt er in die Runde: „Und was machen die Kinder, wenn ihr im Training ‚Gladbach‘ ruft?“
Auf- und Abstiege am laufenden Band
Ein Teilnehmer antwortet: „Sie laufen los und bauen die Station selbstständig auf.“ Ziegler nickt zufrieden. Und die Teilnehmenden haben ihren Spaß in den drei mal drei Meter großen und mit Hütchen abgesteckten Quadraten.
Unzählige Duelle eins gegen eins laufen parallel ab. Wer den Ball beispielsweise mit dem Fuß öfter antippt als sein Gegenüber, steigt auf. Also einen Platz weiter nach rechts. Wer verliert, steigt einen Platz nach links ab.
Warum der Trainer in die Röhre schaut
Ein paar Mal gibt Ziegler Hinweise, die manchen vielleicht zunächst nicht einleuchten. Zum Beispiel, wo der Trainer steht, wenn die Sonne am Himmel steht. „Der Trainer schaut natürlich in die Sonne, damit die Kinder ihn sehen können“, erläutert er. Zustimmendes Gemurmel ist zu hören.
Was aber treibt die künftigen Trainer/innen an, ein Zertifikat zu erwerben, obwohl man auch ohne Schein eine Kindermannschaft trainieren kann?
Systemwandel im Nachwuchsfußball
Marc Knobel vom Referententeam des SC Freiburg klärt auf: „Seit Hannes Wolf vor einigen Jahren seine Trainingsphilosophie Deutschland beim DFB eingeführt hat, erleben wir ganz viele Lehrgangsteilnehmende, die sich auch gegenüber den Eltern rechtfertigen und auf den neuesten Stand bringen lassen wollen.“
Der neueste Stand – damit ist nicht weniger gemeint als ein Systemwandel im Nachwuchsfußball. Im Fokus stehen individuelle Qualität und eine hohe Wiederholungszahl durch Kleinfeldfußball. Dafür sollen Kinder ganzheitlich ausgebildet und nicht auf starre Positionen festgelegt werden, um die Ausbildungsquote deutscher Talente zu steigern.
Wer die 30 zertifizierten Kindertrainer/innen an diesem Tag auf dem Gelände der FT begleitet hat, bekommt ein Gespür dafür, welche positiven Veränderungen durch das neue Konzept angeschoben wurden. Und das ist an einem Tag, an dem mit Jürgen Klopp die personifizierte Aufbruchsstimmung Bundestrainer geworden ist, doch eine richtig gute Nachricht.
Fotos: Jasmyn Groeschke / Privat
