Ein Glücksfall

Scheidender Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Breit geehrt

Verein
09.10.2026

Dr. Heinrich Breit engagierte sich 28 Jahre lang ehrenamtlich für den Sport-Club: 16 Jahre lang als Schatzmeister und weitere 12 als Vorsitzender des Aufsichtsrates. In den vergangenen knapp drei Jahrzehnten hat er den Sport-Club entscheidend mitgeprägt und wichtige Weichen gestellt.

Eine der unzähligen Anekdoten geht so: Irgendwann, nachdem Dr. Heinrich Breit nach zwölf Jahren Stadtratstätigkeit für die „Grünen“ 1994 nicht mehr kandidierte und ausschied aus dem Gemeindeparlament, soll der damalige Freiburger Oberbürgermeister Rolf Böhme dem SC-Vorsitzenden Achim Stocker geraten haben: „Hol‘ dir den Breit, der ist gut.“

Ob die Geschichte wirklich stimmt, weiß heute niemand mehr. Sicher ist aber: Über zwölf Jahre kommunalpolitischer Zusammenarbeit, gelegentliche inhaltliche Raufereien inklusive, hatten sich die beiden nicht nur kennen-, sondern auch außerordentlich schätzen gelernt: Auf der einen Seite der gelegentlich sture Sozialdemokrat an der Rathausspitze, ein Finanzexperte und gleichzeitig Humanist durch und durch. Und auf der anderen der durchaus eigensinnige Grüne, eigentlich ein promovierter Soziologe, der aus pragmatischen Gründen ins Steuerfach gewechselt war.

Viele Jahre später, als Breit schon lange SC-Schatzmeister war, sagte Böhme rückblickend in einem Interview der Badischen Zeitung: „Einen solch zuverlässigen und korrekten Menschen findet man selten in der Politik.“

Sicher ist übrigens auch, dass „solch zuverlässige und korrekte Menschen“ im damals noch ungleich hemdsärmeliger als heute funktionierenden Profifußball mindestens genauso selten waren wie in der Politik. Wie es ebenfalls sicher ist, dass Achim Stocker dann irgendwann tatsächlich Heinrich Breit fragte, ob er sich beim Sport-Club um das Steuerwesen kümmern könne – und Heinrich Breit sich 1998 zum Schatzmeister im geschäftsführenden Vorstand des SC Freiburg wählen ließ.

„Das Prinzip der wirtschaftlichen Vernunft“

28 Jahre ist das jetzt her. 16 Jahre davon blieb Breit Schatzmeister, und 2014, als diese Funktion qua Satzungsänderung abgeschafft wurde, wurde er dann in den neu geschaffenen Aufsichtsrat gewählt, dem er bis zur Mitgliederversammlung im Oktober 2026 weitere zwölf Jahre vorstand.

In diesen knapp drei Jahrzehnten stellte Heinrich Breit Weichen und hatte entscheidenden Anteil daran, dass der Sport-Club sich zu dem entwickeln konnte, was er heute ist: ein sportlich erfolgreicher, ökonomisch wie strukturell glänzend aufgestellter Erstligist. Die Basis dafür war, dass der SC-Vorsitzende Achim Stocker Ende der 90er-Jahre schnell erkannte, wieviel Kompetenz der SC zugewonnen hatte mit dem „Doc“, wie Stocker Breit nur nannte. Und keineswegs war das nur Finanzkompetenz. Aber auch davon eben jede Menge.

Die Folge: Nach ein paar Rucklern in der Frühphase der Zusammenarbeit trug es Stocker – zusammen mit dem gesamten SC-Vorstand – mit, „das Prinzip der wirtschaftlichen Vernunft“, wie Breit es selbst nennt, beim Sport-Club konsequent umzusetzen. Das klingt unspektakulär und für manche vielleicht sogar ein bisschen langweilig. Wie ja auch Breit selbst manchen gelegentlich als zu langweilig und pingelig erschien.

Tatsächlich aber war der gebürtige Moselaner für den Sport-Club ein Glücksfall. Und sein Dienstantritt bedeutete beim vormals ewig klammen Zweitligisten, der auch nach dem ersten Bundesligaaufstieg 1993 lange weiter zu den ärmsten Clubs im Oberhaus zählte, nicht weniger als eine Zeitenwende. Sie war die Grundlage für eine Entwicklung, die in wirtschaftlichen und sportlichen Ergebnissen mündete, wie sie der Verein vergangenen Donnerstag in der Freiburger Messe vermelden konnte, auf Heinrich Breits letzter Mitgliederversammlung als Chef des Aufsichtsrates.

Eines dieser Ergebnisse: Mit dem demnächst abgeschlossenen Umbau des Dreisamstadion-Areals wird der Frauen- und Mädchenfußball beim Sport-Club endlich einen angemessenen, noch einmal neue Perspektiven eröffnenden Ort haben. Für Breit war der Frauen- und Mädchenfußball beim SC lange ein Herzensprojekt, für das er über Jahre hinweg quasi die Patenschaft übernommen hatte.  

Gleichzeitig stärkte Breit die überregionale Reputation des Vereins über seine Arbeit in wichtigen Gremien: Er saß im DFB-Vorstand und im Aufsichtsrat der Deutschen Fußball Liga (DFL) (jeweils von 2007 bis 2016) wie – natürlich – im einflussreichen Arbeitskreis und später in der Kommission Finanzen der DFL (von 2003 bis 2016), wo er hohes Ansehen genoss. Nicht zuletzt natürlich, weil überall gesehen wurde und bis heute wird, wie der Sport-Club sich entwickelt.

Demut und „ein ungeschriebenes Gesetz“

Was nicht überall wahrgenommen wird: Demut ist das, was diese Entwicklung auf der, nennen wir es: vereinskulturellen Ebene zusammenhält. Eine Demut, die – von Breit maßgeblich mit implementiert – die Unternehmenskultur beim Sport-Club bis heute entscheidend prägt.

Was das in der konkreten Umsetzung bedeutete, im täglichen Geschäft des Vereins, hat Breit vor ein paar Jahren im ersten Nachhaltigkeitsbericht des SC beschrieben: „Wir gehen als Verein keine Verpflichtung für etwas ein, wofür das Geld noch nicht gesichert ist oder die Verträge noch nicht fixiert sind“, lautete demnach „das ungeschriebene Gesetz“ seiner frühen SC-Jahre, das bis heute Gültigkeit besitzt.

Zudem gelang es dem Verein, auch dank dieser Demut, selbst Abstiege zu überstehen, ohne dass der Laden zusammenkrachte. Dreimal musste der Sport-Club in Breits Zeit als Schatzmeister und Aufsichtsratsvorsitzender den harten Gang in die 2. Liga antreten – und immer ging es danach noch weiter bergauf als zuvor. Weil in Freiburg konsequent versucht wurde und wird, „Ambitionen, Realismus und Vernunft zusammenzudenken“.

Dieser Satz stammt nicht von Heinrich Breit, das sagte SC-Vorstand Jochen Saier im Frühjahr dieses Jahres im Gespräch mit der FAZ. Breit und Saier kennen sich schon, seit Saier ein paar Monate nach ihrer Gründung Leiter der Freiburger Fußballschule wurde, die dieser Tage gerade ihr 25-jähriges Jubiläum feierte. Dass beide zusammen seit seiner Gründung 2004 zudem im Vorstand des Fördervereins Freiburger Fußballschule sitzen, ist nur eines von unzähligen Beispielen dafür, wie ausgeprägt die Identifikation vieler handelnder Personen – Breit eingeschlossen – mit dem Projekt SC Freiburg geblieben ist.

Und apropos Fußballschule: Es sollte an dieser Stelle auch nicht vergessen werden, dass es mit einer der großen Coups von Breit war, die Stadt Freiburg über ihre Beteiligung an der ebenfalls 2004 – zusammen mit der Stadt – gegründeten Achim-Stocker-Stiftung ins Fußballschulen-Boot zu holen. Für die langfristige Absicherung des Ausbildungsstandortes, und damit der Arbeit der Fußballschule, war das ein Meilenstein.

Gut zwei Jahrzehnte nach der Stiftungsgründung und 25 Jahre nach der Eröffnung der Fußballschule sind die sensationellen Erfolge des SC-Nachwuchsleistungszentrums dieser Tage bundesweit gefeiert worden. Dass Jürgen Klopp zu seiner Premiere als Bundestrainer gleich sieben ehemalige Freiburger Fußballschüler in seinen 44-Kader berufen hatte, war ein Ausrufezeichen hinter diesen Hymnen.

Auf der Jubiläumsfeier in der Fußballschule lobte auch Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn das „gute Invest“, das die Stadt bei ihrer Unterstützung des Um- und Ausbaus des Möslestadions zur Freiburger Fußballschule getätigt hatte. Breit hat da im Auditorium vielleicht still in sich hineingelächelt. Denn allemal im Vergleich zu vielen konkurrierenden Standorten der Republik war die städtische Unterstützung des – neben dem Münster – ersten Werbeträgers der Stadt schließlich selten unumstritten oder unkompliziert gewesen in Freiburg: ganz egal, ob es um die Tribünen im alten oder um das neue Stadion ging – oder eben um das Nachwuchsleistungszentrum im Möslestadion.

Und sicherlich hat sich Breit an diesem feierlichen Abend in der Fußballschule auch darüber gefreut, dass Volker Finke da war, der die Idee hatte, den SC als „Aus- und Weiterbildungsverein“ zu positionieren. Das Ende der Ära des SC-Langzeittrainers 2007 zählte für Breit dann zu den schwierigsten Phasen in seiner Zeit als Schatzmeister. Erstmals greift und reift bei ihm in dieser Zeit der Gedanke, wie er später erzählt hat, dass die Verantwortung, die der Vorstand in einer so existenziellen Krisensituation trägt, zu schwer wiegt für ein ehrenamtlich agierendes Gremium.

Professionalisierung der SC-Führung eingeleitet

Nach der Zeitenwende zu seinem Start als Schatzmeister leitet er in der Folge, und nach Achim Stockers Tod 2009, mitentscheidend auch die zweite große Zäsur der SC-Geschichte während seiner Amtszeit ein: die Professionalisierung der Sport-Club-Führung über eine große Satzungsänderung im Jahr 2014. Ihr Kern, an deren konkreter Ausgestaltung Breit maßgeblich mitgestrickt hat: Der SC Freiburg bleibt ein eingetragener Verein (e.V.), aber die Geschäfte werden künftig von zwei hauptamtlichen Vorständen geführt, die durch das neu geschaffene Gremium Aufsichtsrat bestellt und kontrolliert werden.

Oliver Leki, nicht nur Nachfolger für Breits spezifisches Terrain, die Finanzen, und Breit kannten und schätzten sich da bereits aus gemeinsamen Zeiten im Ligaverband. Ihm traute Breit es zu, den Verein organisatorisch und infrastrukturell auf neue Füße zu stellen – ein neues Stadion spielte in diesen Überlegungen eine ganz zentrale Rolle. Getragen vom alten noch ehrenamtlich agierenden Vorstand wurde Leki ein Jahr vor der großen Reform als Geschäftsführer zum SC geholt.

Auf der Mitgliederversammlung im Oktober 2014 wird dann erstmals ein Aufsichtsrat und anschließend Heinrich Breit zu seinem Vorsitzenden gewählt. Oliver Leki ist ab da als einer von zwei hauptamtlichen Vorständen verantwortlich für Finanzen, Organisation und Marketing, Jochen Saier als zweiter für den Sport. Fritz Keller wird, auch das ist neu, ehrenamtlicher Präsident – ein Amt, das im vergangenen Jahr nach elf Jahren wieder abgeschafft und in das neu gebildete Gremium Vereinsrat überführt wird.

Neue Rolle, alte Loyalität

Die große Satzungsänderung und sein Wechsel in den Aufsichtsrat führt dann auch bei Heinrich Breit zu einem veränderten Rollenverständnis. Dieser Wechsel gelingt auf Anhieb – für ihn persönlich, aber auch für den Verein.

Als Aufsichtsratschef, das ist im Profisport eher die Ausnahme, agiert Breit stets im Hintergrund. Dass sich der Aufsichtsrat beim Sport-Club nicht ins Tagesgeschäft einmischt, nicht bei Transfers mitredet und auch nicht in der Öffentlichkeit über sportliche Entwicklungen oder den Trainer spricht, war für ihn ohnehin klar.

In diesem Geist führt er den Aufsichtsrat zwölf Jahre lang nach innen gerichtet, stets eng an der Satzung orientiert und, wenn es die Situation verlangte, mit der nötigen Entschiedenheit und Durchsetzungskraft. Was sich über die Jahre und in neuem Amt nicht verändert hat, ist seine Loyalität zum Verein – auch gegenüber dem Vorstand, den er in seiner neuen Funktion kontrollierte, aber auch begleitete und beriet.

Als Heinrich Breits Leistungen bleiben die Grundlagen, unter anderem in der Satzung, die er mit geschaffen hat. Aber auch die uneigennützigen personellen Entscheidungen, die er getroffen hat und – vielleicht mehr als alles andere – die Haltung, mit der er all das umgesetzt hat. Damit hat er einen Weg mit initiiert und ein Fundament mitgebaut, das den Verein bis heute trägt und auf dem weiter erfolgreich gearbeitet wird.

Als er nach Freiburg gekommen ist, hatte er „sofort das Gefühl, dass es hier Grundprinzipien und Werte gibt“, hat Oliver Leki im Frühjahr der FAZ gesagt, und ergänzt: „Die gibt es heute immer noch, und die haben sich auch nicht verändert, sondern eher noch verfestigt“. Heinrich Breit wird das sicher gefreut und vielleicht auch ermutigt haben, nach seinen 28 Jahren für den Sport-Club Schluss zu machen und nach 2026 nicht mehr zur Verfügung zu stehen als Aufsichtsrat. In der Summe sind seine 28 SC-Jahre bis dato die mit Abstand erfolgreichsten der Vereinsgeschichte. Und in den, wie Leki es nennt, „Grundprinzipien und Werten“ wird Heinrich Breit beim SC Freiburg sowieso erst einmal allgegenwärtig bleiben.

Uli Fuchs

 
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