SC-Biographien unter dem Einfluss der Diktatur

Verein
27.01.2026

1937 gelang Freddie Burghardt die Flucht vor den Nazis – auch dank seines SC-Freundeskreises. Markus Knobloch vom Arbeitskreis „SC-Vereinsgeschichte“ hat diese Geschichte recherchiert, auch durch die Mithilfe von Freddies Sohn Ron Burghardt, den er in Südafrika ausfindig machte.

2022 hat der SC Freiburg eine Studie in Auftrag gegeben, um seine Geschichte in der Zeit des Nationalsozialismus zu beleuchten. Die Ergebnisse haben die Historiker Robert Neisen und Andreas Lehmann zwei Jahre später im Buch „Spielball der Ideologie? Der SC Freiburg in der Zeit des Nationalsozialismus“ veröffentlicht. Darin wird auch die erfolgreiche Flucht von Alfred Burghardt und seiner jüdischen Verlobten erwähnt, zu der maßgeblich auch seine Mannschaftskameraden des SC Freiburg ihren Teil beitrugen, darunter Willi Knobloch.

Was wissen Sie von der Geschichte rund um Alfred und Ihren Onkel, Herr Knobloch?

Knobloch: Mein Onkel Willi und Alfred Burghardt, von allen Freddie genannt, waren gute Freunde. Sie kannten sich schon aus der Grundschule, spielten später zusammen beim SC Freiburg. Ein Mannschaftsfoto von 1922 zeigt sie gemeinsam, damals mit dem Emblem der Freiburger Turnerschaft auf der Brust, mit der der SC zu jener Zeit eine Spielgemeinschaft eingegangen war. Freddie und Willi fingen später beide bei der Reichsbahn an. Mit seinem Arbeitgeber bekam Freddie Burghardt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 allerdings vermehrt Probleme, da er mit Else Kahn verlobt war, einer Jüdin aus Freiburg. Unter Androhung von Zuchthaus und anderen Strafen wurde ihm nahegelegt, die Verlobung aufzulösen, 1936 sollte er wegen „Rassenschande“ schließlich verhaftet werden.

Auch aus seinem SC-Freundeskreis heraus wurde er vor einer möglichen Verhaftung gewarnt.

Knobloch: Zumindest ist gesichert, dass mein Onkel Willi und andere Freunde ihm dazu geraten und ihn später dabei auch unterstützt haben, vor einer drohenden Verhaftung zu fliehen. Ob noch andere aus diesem Freundeskreis Spieler beim Sport-Club waren, ist nicht geklärt, aber möglich.

Else Kahn und Freddie Burghardt flüchteten also 1937 von Genua aus mit dem Schiff nach Kapstadt, Südafrika. Haben Ihre Eltern jemals über die Flucht gesprochen, Herr Burghardt?

Burghardt: Kaum. Sie machten es wie viele Menschen, die aus religiösen oder politischen Gründen vor dem Krieg geflüchtet waren: nicht darüber sprechen, Erlebtes ein Stück weit verdrängen. Oder anders gesagt: das Vergangene hinter sich lassen und nach vorne schauen – das Leben ging schließlich an neuem Ort weiter.

Die im Buch „Spielball der Ideologie“ nur am Rande erwähnte Fluchtgeschichte nahmen Sie, Herr Knobloch, zum Anlass, weiter zu recherchieren, um möglichst die ganze Geschichte sichtbar zu machen.

Knobloch: Nachdem „Spielball der Ideologie“ veröffentlicht und auch in der Badischen Zeitung dazu mehrere Artikel geschrieben worden waren, hat mich eine Leserin aus Freiburg kontaktiert: Maria Kaufhold, eine entfernte Verwandte der Familie Burghardt. Sie hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der Nachname von Freddie in den Büchern und Berichten bis dahin immer falsch geschrieben worden war: ohne „t“ am Ende. Außerdem erwähnte sie die Existenz von Ron, Freddies Sohn in Südafrika, der sicherlich weitere Puzzleteile zur Aufklärung der Geschichte beitragen konnte. Das waren für mich starke Hinweise und Anhaltspunkte, um noch mehr über die Hintergründe herauszufinden.

Sie haben in der Folge keine Mühen gescheut, Archive durchforstet, Kontakt zu Hinterbliebenen wie Ron Burghardt in Südafrika aufgenommen. Wieso war es Ihnen wichtig, diese Geschichte möglichst umfänglich zu recherchieren und nun auch zu erzählen?

Knobloch: Weil diese Geschichte auch meine Familiengeschichte ist. Auch mein Onkel hatte meines Wissens nie groß von der Flucht von Freddie Burghardt erzählt. Bekannt war mir aber, dass Willi Knobloch ein großer Gegner des Nazi-Regimes war, der sich zum Beispiel aktiv an der Verteilung von regimekritischen Flugblättern beteiligte. Und der einmal von der Gestapo am Basler Grenzübergang festgenommen und körperlich misshandelt wurde. Zudem interessierte mich als Gründungsmitglied des Arbeitskreises Vereinsgeschichte auch die Rolle weiterer SC-Mitglieder in dieser Geschichte. Nicht zuletzt ist es allgemein wichtig, die Begebenheiten dieser Zeit zu erzählen, zu veröffentlichen und so auch für künftige Generationen festzuhalten. Damit weiter an den Ursachen geforscht werden kann, die es ermöglichten, dass in jener Zeit Millionen von Menschen verschleppt und umgebracht werden konnten und es nur wenige schafften, überhaupt zu flüchten.

Während der SC Freiburg und seine Mitglieder bei der Flucht von Freddie Burghardt – abgesehen von Willi Knobloch – nach aktueller Faktenlage wohl eher eine kleine Rolle gespielt haben dürften, waren sie bei der Rückkehr der Familie Burghardt allerdings von großer Bedeutung.

Burghardt: Mein Vater führte eine florierende Autowerkstatt in Kapstadt, entschloss sich nach einem Urlaub in Deutschland Mitte der 50er-Jahre aber dazu, wieder in seiner alten Heimat zu leben. 1956 ging er nach Freiburg zurück, meine Mutter und ich kamen drei Jahre später, nach meinem Schulabschluss, hinterher. Mein Vater fand hier in Freiburg gerade durch den Sport-Club schnell wieder Anschluss. Die Freundschaft mit ehemaligen Mitspielern, vor allem mit Willi Knobloch, hatte über die Jahre Bestand gehabt. Vater, der zeitlebens SC-Mitglied geblieben war, und immer die SC-Rundschau nach Südafrika geschickt bekam, war sofort wieder Teil des Vereinslebens, Teil der Kartenspielrunden in der SC-Vereinsgaststätte Dreisamblick.

Knobloch: (lacht) Ja, Kartenzocken hatte damals große Tradition beim Sport-Club. Mein Onkel Willi hatte in den 50ern beim Ausbau des Dreisamstadions mitgeholfen, war später auch ehrenamtlicher Platzwart – und leidenschaftlicher Kartenspieler. Er hat gefühlt im Dreisamstadion gewohnt.

Burghardt: Auch ich fand durch den Fußball schnell Anschluss in Freiburg, spielte beim Eisenbahner-Sportverein. Zweimal trafen wir auch auf die Jugend des SC Freiburg, eins endete 2:2, und bei unserem 6:3-Sieg schoss ich einen Hattrick, das vergesse ich nie.

Und Ihr Vater machte Ihnen als alter SCler die Hölle heiß …

Burghardt: (lacht) Keinesfalls! Er hat sich immer gefreut, wenn ich gut gespielt habe. Außerdem bin ich heute, obwohl es mich 1964 schon wieder nach Südafrika zurückzog, längst ein echter Anhänger des Sport-Club und schaue heute noch jedes Spiel im Internet an. Darauf, wie weit es sein Sport-Club inzwischen gebracht hat, wäre mein 1982 verstorbener Vater sicherlich stolz.

Herr Knobloch, Sie haben während unseres Gesprächs in Ihrem Notizbuch schon eine Seite vollgeschrieben: mit Jahreszahlen, Stichworten, Namen. Wir dürfen also annehmen, dass die Recherche rund um diese Fluchtgeschichte noch nicht abgeschlossen ist … 

Knobloch: Ich habe im vergangenen Jahr viel Zeit in die Recherche investiert, unzählige Akten und Dokumente durchforstet, etwa im Freiburger Stadtarchiv oder über die Einwanderungsbehörde in Südafrika, bekam Hinweise von nahen Verwandten der Familie Burghardt, von Hinterbliebenen ehemaliger Mitspieler. Durch die NS-Studie des SC Freiburg ist etwas ins Rollen gekommen, immer mehr Geschichten dieser Zeit drängen ans Licht. Meine Recherche und die des Arbeitskreises „SC-Vereinsgeschichte“ geht jedenfalls weiter.

Interview: Christian Engel und Alexander Roth 

Das Interview erschien im Heimspiel-Magazin, das auch als Abo erhältlich ist. 

Info: !Nie Wieder - Erinerungstag im deutschen Fußball

Jedes Jahr um den 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, gedenkt der deutsche Fußball der Opfer des Nationalsozialismus. Der SC Freiburg bietet in diesem Zusammenhang und in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum Freiburg (DZNS) Führungen durch das 2024 eröffnete DZNS an. Termine, alle weiteren Informationen und Anmeldung auf scfreiburg.com

 
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