Reden wir über Heimat, Freiburg!

Verein
09.02.2026

Der PEN Berlin, eine 2022 gegründete Schriftstellervereinigung, kommt mit seiner Veranstaltungsreihe „Ist das noch / schon mein Land“ am 13. Februar ins Europa-Park Stadion. Um was es da geht? PEN-Sprecher Deniz Yücel beantwortet diese Frage.

Deniz Yücel, Sie kommen am Freitag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Ist das noch / schon mein Land“ der Autorenvereinigung PEN Berlin ins Europa-Park Stadion. Konkret werden dann der Soziologe Heinz Bude, die Schriftstellerin Hannah Lühmann und – als Moderatorin – die Freiburger Journalistin Bettina Schulte miteinander und vor allem auch mit dem Publikum, der Eintritt wird frei sein, über das Thema Heimat sprechen. Eigentlich eine ganz schön verrückte Idee, oder nicht?

Yücel:Verrückt? Weiß ich nicht. Ich hoffe, es ist eine gute Idee. Vielleicht ist sie ungewöhnlich – wegen des Veranstaltungsortes. Aber nicht verrückt.

Fragen wir anders: Was ist denn die Idee?

Yücel: Wir haben mit dem PEN schon 2024 vor den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg, auf die damals ja das ganze Land schaute, eine Veranstaltungsreihe zum Thema Meinungsfreiheit gemacht. Hintergrund war, dass in Umfragen immer ein sehr großer Teil der Befragten der Meinung war, dass man in Deutschland nicht frei seine Meinung sagen kann. Wenn das aber tatsächlich mehr als 40 Prozent der Deutschen denken, dann hat die Demokratie ein Problem. Deshalb dachten wir, nehmen wir uns des Themas an, und machten das, wie jetzt auch wieder: immer mit zwei Teilnehmenden plus Moderatorin respektive Moderator auf dem Podium, vor allem aber, ohne irgendwelche Verbotsschilder aufzustellen, und …

… es hat funktioniert?

Yücel:Sogar ganz wunderbar. So gut, dass wir zumindest für Momente und an einzelnen Abenden diese Spaltung von Öffentlichkeit, die es gerade in Deutschland, aber auch in anderen westlichen Ländern gibt, ein Stück weit aufheben konnten. Auch weil wir umsetzten, was, damals wie jetzt, Kernidee dieser Veranstaltungen war und ist: Dass das Publikum nicht am Ende zwei, drei Fragen stellen darf, sondern zentraler Bestandteil der Abende war und sein soll. Alle können mitreden, alles sagen, nicht in beliebiger Länge natürlich, es sollen ja auch genügend zu Wort kommen, aber es sollen eben alle mitreden können, und die auf dem Podium dafür den Rahmen setzen.

Was prädestiniert denn die drei Personen auf dem Podium im Europa-Park Stadion für das Thema?

Yücel:Hanna Lühmann hat einen sehr schönen Roman mit dem Titel „Heimat“ geschrieben, für den renommierten Soziologen Heinz Bude ist es eines seiner großen Themen, und Bettina Schulte ist eine erfahrene Kulturjournalistin und Moderatorin.

Haben Sie denn die Erwartung, dass zu einer solchen Veranstaltung ins Stadion andere Leute kommen als in ein Literaturhaus oder Theater?

Yücel:Zumindest gibt es dafür eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Gerade bei dem Thema „Heimat“ wollten wir gezielt auch an anderen Orten gastieren, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig sind: Sportvereine, Schützenvereine, religiöse Einrichtungen. Ich bin dem SC Freiburg deshalb wirklich sehr dankbar, dass er sagte: Klar, machen wir, kommt gerne zu uns.

Ihr Begriff von Heimat ist sehr weit gefasst, in einer Ankündigung heißt es sinngemäß: Viele Ängste, die in der Gesellschaft grassieren, bündeln sich in der Angst vor dem Verlust von Vertrautem – vor dem Verlust von Heimat. Haben wir das richtig wiedergegeben?

Yücel:Ja, das ist unser Zugang, inspiriert von Jean Améry, einem österreichischen Schriftsteller und Holocaust-Überlebenden. In seinem Essay „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ schrieb er den so schönen wie klugen Satz: „Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.“ Dort findet sich auch die Definition: „Heimat ist Sicherheit.“ Das brachte uns zu unserem Thema, auch aus der Beobachtung heraus, dass viele Themen, die unsere Gesellschaft bewegen, mit Ängsten zu tun haben: vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, vor wirtschaftlichem Niedergang. Der Angst, dass es die Kinder mal nicht besser, sondern schlechter haben werden als wir. Der Angst vor unkontrollierter Zuwanderung oder vor der Machtübernahme des Rechtsextremismus. Dazu kommen internationale Verwerfungen, der Ukraine-Krieg, Trump. Unsere Überlegung war, diese Ängste vor Verlusten, vor dem Verlust von Sicherheit kann man zusammenfassen in dem Begriff Heimat – auch weil das ein positiverer Begriff ist, positiver als Angst.

Der FC St. Pauli vertreibt Aufkleber mit der Silhouette seines Stadions, auf denen steht: „Home Is Where Your Heart Is“ – da wird kurzerhand eine Brücke zwischen dem Fußballstadion und Heimat geschlagen.

Yücel: Ich weiß nicht, wie das in Freiburg ist, aber es gibt ja Gegenden in Deutschland, wo der Fußballclub für die Identifikation mit der Region, dem Ort, an dem man lebt, extrem wichtig ist: Kaiserslautern natürlich, Gelsenkirchen – oft sind es eher ärmere Städte und Regionen …

... wir könnten auch sagen: Orte, an denen der Fußball Defizite kompensieren soll und muss, Frustrationen, die aus dem Alltag der Menschen rühren. Womit wir indirekt beim deutschen Osten sind, wo der Frustrationspegel ja angeblich besonders hoch ist – wo der PEN Berlin, wie Sie sagten, mit seinen Veranstaltungen letztes Jahr aber tolle Erfahrungen gemacht hat. Was waren das denn für Erfahrungen?

Yücel:Erstmal, dass es einfach wirklich funktioniert hat. Die Leute haben mitgeredet, haben miteinander diskutiert, zum Teil auch sehr kontrovers, sehr hitzig, aber nie aggressiv, nie unzivilisiert. Obwohl da je nach Ort natürlich auch viele Leute kamen, die der AfD zugeneigt waren. Im sächsischen Torgau beispielsweise, da war es in etwa halbe, halbe, da waren auch AfD-Stadträte da, und hinterher haben alle, wirklich alle gesagt: Toll, dass ihr das hier gemacht habt, wir hätten es nicht geglaubt, dass es überhaupt noch möglich ist, miteinander zu reden, einander zuzuhören.

In Baden-Württemberg ist die Ausgangslage nun ein bisschen anders als im deutschen Osten …

Yücel:…  aber der Wutbürger ist eine schwäbische Erfindung (lacht). Im Ernst, wir wissen natürlich nicht, wie es hier, auch hier in Baden, funktionieren wird. In Ostdeutschland war – nach unserem Eindruck – der Redebedarf tatsächlich groß. Aber es muss auch nicht immer Streit sein, und der Erfolg bemisst sich auch nicht daran, wieviele AfD-Wähler zu einer Veranstaltung kommen. Es ist ein Angebot an alle, und selbst in einem Kreis von Leuten, die modern sind, aufgeklärt, nicht nationalistisch, politisch eher links der Mitte kann, wie ich finde, eine Diskussion über Heimat ein wichtiges Thema sein. Anders gesagt: So wie Bruce Springsteen unlängst Donald Trump wegen der ICE-Übergriffe abgemeiert hat, so eine Rede wäre, glaube ich, ohne einen eigenen positiven Bezug zu seiner Stadt und seinem Land einfach nicht möglich.

Geht es in der PEN-Berlin-Reihe auch darum, einen positiven Begriff von Heimat zu entwickeln?

Yücel: Ja, auch. Als ich jünger war, dachte ich: Heimat, das ist alles Quatsch, alles reaktionär, brauch‘ ich nicht, will ich nicht. Inzwischen bin ich älter als 50 und glaube, dass alles, was wir an unserem Land schätzen, die Demokratie, die Freiheitsrechte, auch der Wohlstand natürlich und die Sozialsysteme – all das, denke ich, werden wir nicht verteidigen können, ohne einen positiven Bezug dazu zu haben. Auch der Umgang, den die deutsche Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg in einem teils schmerzhaften Prozess entwickelt hat, sich dem Holocaust, der eigenen Geschichte zu stellen – auch das macht Deutschland aus. Auch um das zu verteidigen, ist es gut, einen positiven Begriff von Heimat zu haben.

Herr Yücel, Sie wollen bei jeder der insgesamt 22 Veranstaltungen in Baden-Württemberg persönlich dabei sein – dagegen sind Englische Wochen im Fußball ja ein Zuckerschlecken.

Yücel: Nicht nur ich – auch die PEN-Berlin-Mitglieder Aron Boks und Marie Eisenmannwerden immer dabei sein. Es sind dann zwei Monate, erst Baden-Württemberg gleich danach Rheinland-Pfalz. Es wird anstrengend, aber ich würde es nicht machen, wenn ich nicht denken würde, dass es auch Spaß machen wird. Ich bin ja Journalist, es ist auch Neugier, die mich antreibt. Und ich glaube, dass bei diesem Thema jede Veranstaltung ganz anders – und jede für sich total spannend werden kann.              

Interview: Uli Fuchs

Deniz Yücel ist Journalist und seit 2022 Sprecher des PEN Berlin. Große Bekanntheit erlangte er, als er ab Februar 2017 für ein Jahr als politischer Gefangener in der Türkei inhaftiert war.

IST DAS noch /schon MEIN LAND
Mit seiner Reihe ist der PEN Berlin schon seit Ende Januar unterwegs. Die Veranstaltung in der Business Lounge des Europa-Park Stadions beginnt am kommenden Freitag, 13 Februar um 19 Uhr. Auch PEN-Sprecher Deniz Yücel wird anwesend sein – der Eintritt ist frei.

 

Das Interview mit Deniz Yücel erschien erstmals zum Heimspiel gegen Werder Bremen in unserem Stadionmagazin Heimspiel, das auch als Abo erhältlich ist. 

 
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