"Vielleicht mehr wert als Titel"

Männer
16.10.2026

Jeder Club hat seine Kultfiguren. Vor dem Spiel beim kommenden SC-Auswärtsgegner hat die Heimspiel-Redaktion mit einer der Legenden von Bayer 04 Leverkusen gesprochen: Carsten Ramelow. 

Herr Ramelow, Journalisten lieben es, wenn sie während der Recherche für ein Interview auf außergewöhnliche Geschichten stoßen. Ihre lautet: Mit den Hertha-Amateuren spielen Sie 1993 im Finale des DFB-Pokals gegen Bayer 04 Leverkusen, jenen Club also, für den sie in der Folge in 437 Pflichtspielen auf dem Platz und damit am Ende auch in der Top 5 der Bayer-04-Rekordspieler stehen werden.

Ramelow:Ja, das ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine schöne Geschichte. Wir standen mit den Amateuren von Hertha BSC im Finale des DFB-Pokals – das gab es bis dahin noch nie und ist bis heute einmalig. Und dass es dann noch gegen Leverkusen ging, für die ich später 13 Jahre lang als Profi auflief, rundet das Ganze ab.

Um noch kurz in Berlin und beim Pokalfinale zu bleiben: Was war denn das Geheimnis der „Hertha-Bubis“ in jener Pokalsaison gewesen?

Ramelow: Im Mannschaftssport ist es immer das Gleiche: Du kannst über einen längeren Zeitraum nur erfolgreich sein, wenn der Teamgeist stimmt. Und für ein gewisses Niveau muss dann natürlich auch noch die entsprechende Qualität vorhanden sein. Die hatten wir bei den Amateuren. Wir waren alle junge Spieler, teilweise noch Jugendspieler, die aber auch hin und wieder bei den Profis mittrainieren durften. Hertha leistete damals schon eine sehr gute Jugendarbeit, das zahlte sich aus.

Hertha BSC II warf in der Pokalsaison 1992/93 etliche namhafte Gegner raus: Hannover 96, den 1. FC Nürnberg, den Chemnitzer FC. Und das immer daheim.

Ramelow: Klar, wir hatten da auch etwas Losglück. Es ist natürlich schon von Vorteil, zuhause zu spielen. Und die Kulisse wurde während der Saison immer größer. Anfänglich spielten wir in einem kleinen Stadion in Berlin-Wedding, dann im etwas größeren Mommsenstadion, am Ende im Olympiastadion. Ich denke noch heute sehr gern an jene Spielzeit zurück, auch weil sie rückblickend so entspannt war – wir hatten als Team ja keinen Erfolgsdruck, zugleich stand ganz Berlin hinter uns, feierte uns für unseren Einsatz und die Leidenschaft, mit der wir spielten.

Das Finale ging am Ende knapp mit 1:0 an Bayer 04 Leverkusen. War das Aufeinandertreffen für Sie auch eine Art Vorspielen für ein potenzielles Vertragsangebot? 

Ramelow: Das Scouting war damals schon ziemlich weit. Reiner Calmund, der damalige Manager von Bayer 04 Leverkusen, war auch in den Jahren zuvor öfter in Berlin gewesen, hatte mich sicherlich schon in irgendeiner Form auf dem Zettel, zumindest auf der Beobachtungsliste. Direkt nach dem Finale gab es keinen Kontakt, und ich wäre zu dem Zeitpunkt auch noch nicht reif für einen Wechsel gewesen. Bereits mit 16 Jahren war ich ins Sportinternat des damaligen Bundesligisten Bayer Uerdingen gezogen, damals eine Topadresse. Nach einer Woche bin ich vor lauter Heimweh aber wieder zurückgekehrt. Ich hatte so ein tolles Elternhaus in Berlin, wollte diese Wohlfühlatmosphäre daheim als Jugendlicher einfach nicht missen.

Im Winter 1996 aber waren Sie dann bereit für den Schritt aus Berlin heraus?

Ramelow: Da kamen Calmund und Leverkusen auf mich zu. Ich war mit fast 22 Jahren immer noch sehr jung, dachte aber, irgendwann muss ich auch mutig sein und den Schritt hinaus wagen. Das war nach der abgebrochenen Uerdingen-Geschichte wie eine zweite Chance, die ich wahrnehmen wollte. Und mein Herz sagte mir damals, dass dies nun der richtige Schritt sei. Also zog ich zusammen mit meiner damaligen Freundin, die noch heute – mittlerweile als Ehefrau – an meiner Seite ist, nach Leverkusen. Der Verein unterstützte uns bestens, etwa bei der Wohnungssuche. Auch das Team nahm mich wunderbar auf. Das war dann schon ein Traum, in der Kabine zwischen diesen großartigen Fußballern zu sitzen: neben Bernd Schuster, Christian Wörns, Ulf Kirsten, Ioan Lupescu, Rudi Völler, Paulo Sergio und vielen anderen. Da war schon sagenhaft viel Qualität vorhanden im Kader.

Sechs Jahre später, als Bayer 04 Leverkusen die bis dahin wohl erfolgreichste Saison spielte, beinahe Deutscher Meister wurde sowie darüberhinaus in den Endspielen des DFB-­Pokals und der Champions League stand. Blicken Sie bis heute manchmal ein wenig wehmütig auf jenes Saisonfinale 2002 zurück, in dem es am Ende trotzdem nicht zu einem Titelgewinn reichte?

Ramelow: Hätte man mir damals als 18-Jähriger in Berlin gesagt, hör mal, 2002 wirst du im Champions-League-Finale gegen Real Madrid stehen, Vizemeister werden und ein Pokalfinale in Berlin bestreiten, hätte ich das sofort unterschrieben. Das sind für sich gesehen schon riesige Erfolge und einmalige Erlebnisse, die für immer in Erinnerung bleiben. Aber klar hätten wir auch gerne diese Endspiele gewonnen, genauso wie das WM-Finale in jenem Sommer, das ich mit Deutschland gegen Brasilien bestritt und 0:2 verlor. Wenn mir Menschen heute sagen, Herr Ramelow, es war mir immer eine Freude, Sie auf dem Platz gesehen zu haben, wie Sie sich reingehauen und gekämpft haben, dann ist das für mich das schönste Kompliment, das ich als ehemaliger Spieler bekommen kann. Vielleicht sogar mehr wert als jeder mögliche Titel.     

Interview: Christian Engel

Foto: Imago Images

Bildunterschrift:

Carsten Ramelow (52, rechts) kam 1996 von Hertha BSC zu Bayer 04 Leverkusen. Für die Werkself bestritt der Mittelfeldspieler in 13 Jahren 437 Pflichtspiele, darunter 2002 die Endspiele in der Champions League und im DFB-Pokal. Seit zwei Jahren ist er Präsident der Vereinigung der ­Vertragsfußballspieler.

 

 
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