„Wichtig ist, die großen Linien zu erkennen“

Männer
05.01.2026

Wann beginnt die Analyse des kommenden Gegners? Was kann die Mannschaft in der Halbzeitpause aufnehmen? Welchen Einfluss haben englische Wochen auf die tägliche Arbeit? Franz-Georg Wieland (32), Co-Trainer Analyse beim Sport-Club, erzählt im Interview von seinem Alltag beim SC.

scfreiburg.com: Hallo Franz-Georg! Die Winterpause war auch in diesem Jahr eher kurz. Hattest du trotzdem Zeit ein paar Tage abzuschalten?

Franz-Georg Wieland: Auf jeden Fall. Die freien Tage während der intensiven Phase mit so vielen englischen Wochen sind rar gesät. Wir hatten in den vergangenen Monaten nur immer mal einen Tag frei. Jetzt über eine Woche am Stück Pause zu haben und aus dieser Schleife, immer zum nächsten Spiel denken zu müssen, rauszukommen, war wertvoll. Ich habe die Zeit genutzt, um mich auf die Familie zu fokussieren und die Ruhe über Weihnachten genossen.

Du bist als Co-Trainer Analyse Teil des Trainerteams: Wie sehen deine täglichen Aufgaben aus?

Ich bewege mich im Dreieck aus Training, Gegner und eigenem Spiel. Bei der Gegnervorbereitung geht es um Fragen, wie zum Beispiel: Wie spielt der Gegner in welchen Spielphasen? Welche Muster hat der Gegner? Was können sie besonders gut und wo sind Chancen für uns?

In der Selbst-Analyse geht es dann um unsere Spielprinzipien und wie wir diese weiterentwickeln und trainieren können. Ein wichtiger Punkt ist dabei, einen klaren Plan für den jeweils nächsten Gegner zu entwickeln, gleichzeitig aber auch eine klare eigene Identität auf den Platz bringen können, die über die Zeit konstant bleibt. Die Hauptpunkte unserer Analyse zeigen wir der Mannschaft im Video. Dann geht es auf den Platz, wo ich den Spielern mit meinen Trainer-Kollegen im Training helfe, die Punkte umzusetzen.

Wann hast du gemerkt, dass dir die taktische Analyse von Fußballspielen liegt?

Das hat sich über die Zeit entwickelt. Ich habe verletzungsbedingt früh aufgehört, selbst aktiv zu spielen und habe als Jugendtrainer angefangen, mich intensiver damit zu beschäftigen, wie man es schafft, als Mannschaft eine gemeinsame Idee zu entwickeln und diese dann als Team zu verfolgen. Beim Sport-Club haben wir dazu natürlich ganz andere Möglichkeiten, aber das grundsätzliche Ziel ist – egal ob im Jugend-, Amateur- oder Herrenbereich – überall das Gleiche.  

Und wie ist der Kontakt zum SC entstanden?

Ich war Jugendtrainer beim PTSV Jahn Freiburg und hatte zu diesem Zeitpunkt schon Kontakt zu unserem sportlichen Leiter der Fußballschule, Martin Schweizer. Martin hat mich dann gefragt, ob ich für drei Monate in der U13 helfen könne, weil dort kurzfristig ein Trainer ausgefallen ist. Zwischenzeitlich war ich noch beim Freiburger FC tätig, aber die Verbindung ist nicht abgebrochen und als eine Stelle in der U15 frei wurde, ist Martin wieder auf mich zugekommen – das ist jetzt viereinhalb Jahre her.

Mit Halbzeitpfiff hast du es immer eilig, in die Kabine zu kommen. Welche Bilder könnt ihr den Spielern in dieser kurzen Zeit einer Halbzeitpause zeigen? Worum geht es?

Im ersten Schritt gebe ich Julian und dem Trainerteam ein kurzes Update über meine Sicht auf die vergangene Hälfte. Gemeinsam besprechen wir dann, wo es Möglichkeiten für Anpassungen gibt oder welche Veränderungen wir beim Gegner erwarten. Dann zeigen wir den Spielern ein, zwei Szenen, über die wir in den Austausch mit ihnen gehen. Ich bin überzeugt, dass wir den Spielern in der kurzen Zeit ein bisschen was mitgeben können, weil vieles, was wir ansprechen auch schon in der Vorbereitung auf die jeweilige Partie Thema war.

Wie viele Spiele einer Mannschaft schaust du dir in der Regel an, bevor du dir sicher bist: So geht der Gegner ins Spiel?

Mit der Sicherheit ist es so eine Sache (lacht). Taktik und Aufstellung unserer Gegner hängen von vielen verschiedenen Faktoren ab, die sich von Woche zu Woche ändern: Welcher Spieler ist gerade gut drauf, wer ist fit, welche Stärken und Schwächen sieht der Gegner bei uns, und welche Erfahrungen haben sie in den vorangegangenen Wochen gemacht? Deswegen ist das eigentliche Ziel der Analyse, alle möglichen Optionen des Gegners zu kennen und dann abzuschätzen, welches die wahrscheinlichste ist. Aber auch die anderen möglichen Optionen des Gegners können im Laufe eines Spiels relevant werden, wenn der Gegner je nach Spielverlauf umstellt.

Je nach Gegner schauen wir uns dafür 4-8 Spiele des Gegners an. Hierbei bekomme ich Unterstützung von Leon Krämer und aus der Fußballschule von Leon Busse und Daniel Bähr, damit wir auch die Spiele in den Englischen Wochen gut vorbereiten können. Es ist richtig toll, wie uns da der gesamte Verein unterstützt.

Ihr hattet von Mitte August bis Ende Dezember insgesamt 24 Pflichtspiele in drei verschiedenen Wettbewerben. Inwiefern wirkt sich der straffe Terminplan auf eure Gegnervorbereitung aus?

Es hat schon Auswirkungen, aber wir versuchen mit den Mitteln, die wir zur Verfügung haben, die bestmögliche Arbeit zu machen. Nach den Erfahrungen aus den ersten englischen Wochen haben wir hier auch nochmals kurzfristig neue Kapazitäten geschaffen, darüber bin ich sehr dankbar. Ich glaube, dass wir es als Team mit hohem Aufwand bis jetzt sehr gut hinbekommen haben und wissen, was uns in etwa erwartet.

Wie oft kommt es vor, dass man trotz der intensiven Analyse eines Gegners im Spiel von der taktischen Herangehensweise der anderen Mannschaft überrascht wird?

In dieser Saison sind wir noch nicht komplett überrascht worden. Aber ich habe gerade von einem Fall aus England gelesen, wo eine Mannschaft über die gesamte Saison hinweg Viererkette gespielt hat und dann zu einem Spiel in die Fünferkette gewechselt ist. Solche Dinge sind schwer vorhersagbar, aber so einen Fall hatten wir in den vergangenen Monaten nicht. Wir konnten bis jetzt immer die verschiedenen Optionen unserer Gegner vorhersagen und waren so insgesamt gut vorbereitet. In allen Details liegt man selten richtig, aber wichtig ist die großen Linien zu erkennen.

Gibt es einen Trainer oder einen Klub, bei dessen fußballerischer Ausrichtung du ins Schwärmen kommst?

Ich habe mir im Vorfeld unseres Spiels gegen Frankfurt das Champions-League-Spiel gegen Atlético Madrid angeschaut und war von der Mannschaft und der Herangehensweise unter Diego Simeone sehr beeindruckt. Insbesondere ihre Intensität und Qualität in den verschiedenen Spielphasen ist herausragend. Davor habe ich großen Respekt. Sie haben hoch gepresst, sie konnten aber auch tiefer verteidigen – das war beides sehr gut. Sie hatten Lösungen gegen hohes Pressing, konnten aber auch mit fußballerischer Leichtigkeit in einer gewissen Freiheit kombinieren.

Wie schaust du Spiele privat? Kannst du ein Fußballspiel so richtig „genießen“, oder schaut das taktische Auge immer mit?

Das taktische Auge ist schon immer mit drauf. Ich vermute, das geht jedem so, der in einem Bereich sehr tief drin ist. Das ist einfach Teil der Wahrnehmung, ohne dass man es ausschalten kann. Einem Schreiner wird auch immer auffallen, ob der Tisch, an dem er sitzt aus gutem Holz und sauber verleimt ist. Besser abschalten kann ich, wenn ich zum Beispiel die Konferenz schaue. Man sieht immer nur ein paar Szenen, es geht zwischen den Plätzen hin und her – das kann ich dann auch genießen, ohne mir viele Gedanken dazu zu machen.

Wann nimmst du Julian Schuster und das Trainerteam während der Vorbereitung eines Gegners mit ins Boot, wie sieht die tägliche Zusammenarbeit aus?

Normalerweise gehen wir ein oder zwei Tage nach dem letzten Spiel in den Austausch. Zuerst sprechen Julian und ich über den Gegner, ihre Spielweise und mögliche Matchpläne für uns. Nach unserem Austausch geht es in einen ähnlichen Abgleich mit dem ganzen Trainerteam, in dem wir nach einer kurzen Gegnervorstellung offen über unsere Herangehensweise diskutieren. Dabei besprechen wir auch, wie wir das Training und unsere Video-Sitzungen in Abstimmung auf den nächsten Gegner gestalten wollen. Dazu gehören auch immer die Standards, die Lars und Flo vorbereiten und analysieren. Der letzte Schritt ist es dann, das Ganze auf dem Platz und im Videoraum mit Leben zu füllen.

Nach der kurzen Winterpause kommt der HSV ins Europa-Park Stadion. Wann hast du mit der Analyse angefangen und wie sieht die Vorbereitung auf das Spiel aus?

Das Idealbild wäre gewesen, dass die Analyse der Hamburger vor dem Spiel in Wolfsburg schon abgeschlossen ist. Die Realität sieht durch die ganzen Englischen Wochen ein bisschen anders aus. Die Analyse ist mit der Unterstützung aus der Fußballschule Ende vergangener Woche fertig geworden, so dass wir am Dienstag in eine normale Trainingswoche starten können.

Vielen Dank für das Gespräch, Franz-Georg, und viel Erfolg für Samstag!

Interview: Isabel Betz & David Hildebrandt

Foto: Achim Keller

 
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