"Torverhinderung bleibt das Entscheidendste"
Drei Torhüter, ein Torwarttrainer. Das vierköpfige Torwartteam beim Sport-Club ist eine Einheit. Ein Besuch beim Training und Gespräch mit Coach Michael Müller über die drei Keeper, den ständigen Drang, sich zu verbessern sowie Besonderheiten und Anpassungen im Torwarttraining.
An einem Vormittag Ende März trifft sich das Torwartteam mit Trainer Michael Müller auf dem Trainingsplatz. Von dort kann man auf der einen Seite den Schwarzwald sehen, auf der anderen das Europa-Park Stadion. Die Torhüter haben ihren eigenen kleinen Platz, groß genug, um auch Abstöße zu üben. Hier trainieren sie unter sich, später stoßen sie zu den Feldspielern hinzu, die auf einem der großen Plätze trainieren.
Die vierköpfige Gruppe mit Noah Atubolu, Florian Müller, Jannik Huth und Michael Müller spielt zum Aufwärmen Ball hochhalten mit zwei Kontakten, die Stimmung ist locker. Es folgt eine Abwehrübung, die für Atubolu im Kniestand beginnt. Müller schießt aus zentraler Position, dann kommt jeweils ein Schuss von Atubolus Torhüterkollegen von der Seite. Die Keeper wechseln die Rollen, bis jeder dran war.
Trainingsaufbau nach Schwerpunkten
Anschließend baut Müller gelbe Luftmännchen für eine Blockübung auf: Der Coach, seit zwölf Jahren im Verein, erst in der Freiburger Fußballschule und seit 2022 bei den Profis, dreht sich mit Ball um das gelbe, aufgeblasene Männchen und schießt dann. Atubolu hat die Distanz zwischen sich und dem Schützen minimiert, macht sich breit und blockt den Schuss. „Klasse“, ruft Müller.
Was das Torwartteam mit dieser Übung trainiert, ist das Eins-gegen-Eins. Müller teilt das Torwarttraining in Kategorien ein: „Wir haben verschiedene Schwerpunkte im Torwarttraining. Es gibt die Linienspielaktionen, darunter versteht man die Abwehr von allem, was man sich an Schüssen vorstellen kann. Es gibt die Raumverteidigung, dazu zählen zum Beispiel Flanken, die die Torhüter abfangen. Und es gibt die Eins-gegen-Eins-Situationen, wenn Spieler auf Torhüter zulaufen oder kurze Distanzen zum Torwart haben. Dazu kommt dann noch die Spieleröffnung.“
Für- und nicht gegeneinander
Ins Warm-Up bauen die Torhüter täglich Passformen ein, trainieren kurze oder lange Bälle, die Schwerpunkte variieren. Nach Atubolu sind Florian Müller und Jannik Huth an der Reihe, Atubolu schaut zu und applaudiert oder muntert auf. Es ist klar: Die Vier sind ein Team, keine Konkurrenten. Keine Selbstverständlichkeit und zur Freude Müllers, auch wenn alle im kleinen Torhüterteam wissen, wer in den meisten Pflichtspielen im Tor steht. „Unabhängig von ihrer Situation oder Position möchten sich alle immer verbessern. Wir haben einen guten Mix zwischen Spaß und Fokus auf die Trainings- oder Spielinhalte. Die Jungs unterstützen sich gegenseitig, geben sich Tipps und haben den Anspruch, für die anderen da zu sein.“
Florian Müller kommt im Pokalwettbewerb in dieser Saison regelmäßig zum Einsatz und erlebte einen dieser besonderen Torwartmomente im Viertelfinale bei Hertha BSC, als er im Elfmeterschießen den entscheidenden Strafstoß hielt. „Das sind schon sehr, sehr coole Gefühle, wenn man weiß, man hat einen Ball gehalten, den viele vielleicht schon im Tor gesehen haben“, sagt Michael Müller. Er kennt solche emotionalen Situationen, stand früher auch zwischen den Pfosten. Mit der A-Jugend des Sport-Club gewann er 2009 die Bundesliga-Staffel Süd/Südwest, beim 1. FC Saarbrücken spielte er in der 3. Liga. „Ich freue mich dann hauptsächlich für die Jungs, dass sie diese Momente bekommen.“
Die Kunst, sich nicht beeinflussen zu lassen
Jannik Huth, die Nummer drei im Torwartteam, erlebt solche Momente im Training, in einem SC-Pflichtspiel kam er bisher nicht zum Einsatz. Dennoch hat der 31-Jährige in der Torwartgruppe einen wertvollen Part: „Bei Jannik geht es um das Bewusstsein für seine Rolle. Er weiß, dass er für die Gruppe enorm wichtig ist. Atu und Flo lassen ihn das auch spüren. Er hat in jedem Training den Anspruch, besser zu werden – das ist beeindruckend und für die anderen beiden befruchtend.“
Müssen Torhüter deshalb mental stärker sein als Feldspieler? Michael Müller findet das nicht, betont aber: „Natürlich ist es als Torwart so, dass du einem gewissen Druck standhalten musst. Wenn dir als letztes Glied auf dem Platz ein Fehler unterläuft, hat es meist schwerwiegende Konsequenzen. Und das ist die Kunst: Mit einer Situation umzugehen und die nächste Situation davon nicht beeinflussen lassen.“ Müller spricht nicht nur von negativen Situationen wie einen Fehler vor einem Gegentor. Die Aussage gilt auch für positive Aktionen: „Wenn etwas wahnsinnig gut läuft, ich eine starke Parade hatte, muss ich die nächste Situation trotzdem wieder neu bewerten können und darf im Überschwang der Gefühle nicht leichtsinnig werden.“
Spielnahe Situationen erzeugen
Früher waren Torhüter diejenigen, die Tore verhindern sollten. Heute muss ein Torhüter weit mehr Aufgaben erfüllen und dennoch bleibt „die Torverteidigung die Grundarbeit“, sagt Michael Müller. „Tore zu verhindern ist das Entscheidendste, weil das den maximalen Einfluss auf ein Spiel hat.“ Spieleröffnung, Ruhe am Ball, Räume erkennen, vorausschauend spielen und reagieren, so dass torgefährliche Situationen erst gar nicht entstehen können. All diese Themen gehören zum heutigen Torwartspiel ebenso dazu. Im Training arbeitet das Team mit verschiedenen Methoden, um all diese Aufgaben zu erfüllen.
Mal sind es kleine, mal große Bälle. Mal sind es irritierende Trainingshilfen: aufblasbare Gummimännchen oder Stangen. „Wir versuchen mit jedem unserer Schwerpunkte, die Technik zu optimieren, um in spielnahe Situationen zu kommen“, erklärt der 36-Jährige. Spielnah bedeutet, kein perfektes Schussfenster zu sehen – mal steht ein Spieler im Weg, mal wird der Ball abgefälscht, mal bekommt man Körperkontakt.
Spielnah bedeutet für die Torhüter neben ihrem individuellen Torwarttraining auch, am Mannschaftstraining teilzunehmen. Denn neben Michael Müller hat auch Julian Schuster Erwartungen an die Keeper. „Die Ansprüche sind hoch. Noah, Flo und Jannik sollen eine gewisse Ruhe und Abgeklärtheit auf die Mannschaft ausstrahlen und das Spiel mit dem Ball so eröffnen, dass wir möglichst lange in Ballbesitz bleiben“, sagt Müller.
Und in Zukunft? „Das Spiel und die Regeln ändern sich immer wieder. Da ist es selbstverständlich, dass auch wir Anpassungen vornehmen müssen“, sagt Müller und nennt als Beispiel Situationen bei Eckbällen. „Vor zwei, drei Jahren wurde nach Eckbällen und Körperkontakt mit den Torhütern noch sehr viel abgepfiffen. Das hat sich geändert, es wird viel weniger abgepfiffen.“
„Flo, Atu, Jannik“, ruft es vom Nebenplatz. Das individuelle Torwarttraining ist damit zu Ende. Die drei Torhüter und ihr Coach werden jetzt im Mannschaftstraining gebraucht.
Isabel Betz
Fotos: SC Freiburg
