"Ein unvergessliches Spiel"
Jeder Club hat seine Kultfiguren. Vor dem Spiel beim VfL Wolfsburg kommt eine der Legenden des nächsten SC-Auswärtsgegners zu Wort: Detlev Dammeier.
Herr Dammeier, auf der Homepage des Delbrücker SC haben Sie jüngst Ihren Abschied nach der laufenden Spielzeit als Trainer verkündet, mit den Worten: „Es ist Zeit für etwas Neues.“ Was haben Sie geplant?
Dammeier: Gar nichts. Und das ist wunderbar so. Ich bin hier schon seit acht Jahren Trainer und hatte bislang eine tolle und erfolgreiche Zeit, etwa mit dem Aufstieg in die Oberliga vor vier Jahren. Da wir aber mittlerweile wieder in der Landesliga spielen und dort aktuell nicht so dastehen, wie es sich der Verein, aber auch ich mir gewünscht hätte, ist es nun eben an der Zeit für etwas Neues. Wenngleich ich keinen konkreten Plan habe – aber nach so vielen Jahren auf dem Trainingsplatz, ob als Spieler oder als Trainer, fände ich auch etwas Abstand zum Fußball völlig in Ordnung.
Heißt: Künftig noch nicht mal „Sportschau“ gucken?
Dammeier: Ehrlicherweise verfolge ich den Profifußball nicht mehr so intensiv wie einst. Ich bin ab und an im Stadion in Wolfsburg oder in Bielefeld, wohin ich als ehemaliger Spieler auch mal eingeladen werde. Aber ich verfolge die Bundesliga auch gerne aus der Ferne.
Die Bundesliga rückte für Sie auch im Sommer 1992 in weite Ferne, als Sie vom Traditionsclub und damaligen Bundesliga-Dauermitglied Hamburger SV zum kleinen und noch unbedeutenden VfL Wolfsburg wechselten, …
Dammeier: … der gerade in die 2. Bundesliga aufgestiegen war. Ich hatte zuvor drei eher schwierige Jahre in Hamburg gehabt. Als U21-Nationalspieler war ich 1989 von Hannover 96 zum Hamburger SV gewechselt, für eine Million Mark – das war damals nicht wenig. In einer Mannschaft, die sich im Umbruch befand, spielte ich weniger als erhofft. Die großen Erwartungen konnte ich jedenfalls nur selten erfüllen, und so wurde mir mehrmals nahegelegt, den Verein zu verlassen. Man kann sich vorstellen, wie man sich als junger Mensch fühlt, wenn man nach dem letzten Spieltag auf der Rückfahrt im Bus hört, nicht mehr gewollt zu sein. Da nagen die Selbstzweifel an einem.
Wer hat Ihnen in dieser Phase geholfen?
Dammeier: Besonders mein neun Jahre älterer Bruder, der leider viel zu früh verstorben ist. Er hat mich intensiv begleitet, war immer mein Fürsprecher und hatte mir dann auch zum Wechsel nach Wolfsburg geraten …
… obwohl das auf der Karriereleiter erst mal ein paar Stufen nach unten bedeutete.
Dammeier: Sicher. Auf einmal 2. Liga mit einem kleinen Verein statt Bundesliga bei einem Traditionsclub. Aber diesen Schritt habe ich gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen, regelmäßig zu spielen, Selbstvertrauen zu bekommen. Und dann erlebte ich in Wolfsburg die besten Jahre meiner Karriere – obwohl ich anfänglich nur ein Jahr dort bleiben wollte.
Aus einem Jahr wurden acht Jahre – Sie kamen am Ende auf 247 Pflichtspiele für den VfL Wolfsburg, stehen damit in den Top 10 der Rekordspieler des Vereins.
Dammeier: Als ich nach Wolfsburg kam, war die Infrastruktur noch sehr bescheiden, kein Vergleich zu heute. Wir spielten damals auch nur vor ein paar tausend Zuschauern im alten VfL-Stadion am Elsterweg. Aber der Verein hat sich in der Zeit Schritt für Schritt entwickelt. Wir schnupperten schon in den Spielzeiten 1993/94 und 1994/95 am Aufstieg, standen 1995 als Überraschungsteam im Finale des
DFB-Pokals gegen Borussia Mönchengladbach. Diese Entwicklung hat mich immer wieder davon überzeugt, dort zu bleiben, auch etwas mitzugestalten. Denn es hat auch etwas, länger an einem Standort zu bleiben, das kennen beim SC Freiburg auch etliche Spieler: Man identifiziert sich mehr mit dem Verein, kennt nicht nur seine Stärken, sondern auch seine Macken. Und man hält auch mal Tiefen aus, …
… um erneut die Sonnenseiten zu erleben, wie im Falle des VfL etwa der erstmalige Aufstieg in die Bundesliga im Jahr 1997.
Dammeier: Das war natürlich einer der größten Momente der Vereinsgeschichte – den ich auch noch miterleben durfte. Vor allem das Saisonfinale hatte es in sich.
Am letzten Spieltag der Saison 1996/97 kam es zum Showdown um den Aufstieg zwischen dem Drittplatzierten VfL Wolfsburg und dem Viertplatzierten 1. FSV Mainz 05, der nur einen Punkt hinter dem VfL lag.
Dammeier: Es war klar: Einer von uns würde aufsteigen. Oder anders gesagt: einer nicht. Es war von Anfang an Vollgasfußball pur. Nach einem frühen Rückstand drehten wir die Partie, führten zur Pause 3:1. In der zweiten Halbzeit glich Mainz relativ schnell aus, ich brachte den VfL durch einen verwandelten Elfmeter – meinen zweiten Treffer des Tages – wieder in Führung. Nach einem weiteren Tor von uns kam Mainz noch mal auf 4:5 ran – dann war aber Schluss. Ein unvergessliches Spiel. Und der Grundstein für vieles, was in den Jahren beim VfL folgte: die vielen Europapokalteilnahmen, die Meisterschaft 2009, der DFB-Pokalsieg 2015.
Interview: Christian Engel
Foto: Imago Images
Bildunterschrift: Detlev Dammeier, 57, hat zwischen 1992 und 2000 für den VfL Wolfsburg 247 Pflichtspiele bestritten und dabei 22 Tore erzielt. 1997 gelang ihm mit den Wölfen der Aufstieg in die Bundesliga. Nach verschiedenen Trainerstationen coacht er heute den Landesligisten Delbrücker SC in Nordrhein-Westfalen.
Dieses Interview stammt aus unserem Stadionmagazin Heimspiel, das es zu jedem Heimspiel des Sport-Club gibt und auch als Abo erhältlich ist.

