Mit beiden Clubs verbunden
Jeder Club hat seine Kultfiguren. Vor dem Spiel beim FC St. Pauli kommt in unserem Stadionmagazin Heimspiel eine der Legenden des nächsten SC-Auswärtsgegners zu Wort: Klaus Thomforde.
Herr Thomforde, als Torwarttrainer der deutschen U21 sind Sie neben Michael Müller vom SC Freiburg wohl der einzige Torwarttrainer, der in den Genuss kam, alle drei aktuellen SC-Torhüter – Noah Atubolu, Florian Müller und Jannik Huth – zu trainieren.
Thomforde: In vielen Bundesligamannschaften stehen ein, zwei Torhüter im Kader, die bei mir in der U21-Nationalmannschaft waren, aber gleich drei wie derzeit in Freiburg – das ist schon sehr außergewöhnlich. Und außergewöhnlich ist auch, was die drei in der Nationalmannschaft und in ihren Vereinen seither erreicht haben: Huth hat die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gewonnen, Flo und Atu wurden jeweils Vizeeuropameister mit der U21, letzterer hat mit jungen 23 Jahren schon mehr als 100 Spiele für den SC gemacht. Eine tolle Entwicklung aller drei.
Alle drei sind der U21 bereits entwachsen. Stehen Sie trotzdem noch in Kontakt mit ihnen?
Thomforde: Wir schreiben uns hin und wieder, etwa zu Geburtstagen. Wenn ich in Freiburg war, um Atu zu beobachten, habe ich mich immer auch gefreut, wenn mir Flo Müller vom Spielfeld aus zugewunken hat. Außerdem kenne ich ja noch viele weitere ehemalige U21-Spieler beim Sport-Club: Matthias Ginter, Christian Günter, Maxi Eggestein, Max Rosenfelder, Patrick Osterhage, Derry Scherhant. Und mit Co-Trainer Florian Bruns habe ich lange zusammengespielt: bei St. Pauli und Union Berlin.
Sie haben außerdem mit vielen großartigen Torhütern gearbeitet, etwa mit Marc-André ter Stegen oder Alexander Nübel. Was konnten all diese Spieler von Torwarttrainer Thomforde lernen?
Thomforde: Das müssten Sie eigentlich die fragen. Aber mir war und ist immer sehr wichtig, ihre professionelle Arbeitseinstellung weiterzuentwickeln. Zudem habe ich auch immer schon das komplette Torwartspiel von den Jungs eingefordert, dass sie alle Taktiken draufhaben, dass sie etwa im Aufbau als elfter Feldspieler agieren. In Spielbeobachtungen in den Vereinen konnte ich dann immer sehen, ob sie gewisse Sachen auch umsetzen. Atu zum Beispiel hatte das schon in der 3. Liga hervorragend gemacht.
Standen auch Thomfordsche Torwartgesten auf dem Trainingsplan, für die Sie in Ihrer Zeit beim FC St. Pauli bekannt waren?
Thomforde: Extra-Einheiten dazu gab es natürlich nicht. Und dennoch ist auch das ein Thema für Torhüter. Wenn ich den dritten Hochkaräter des gegnerischen Angreifers vereitle, kann es einen großen Effekt haben, wenn ich mich dafür ausladend feiere.
Das kann den Stürmer Nerven kosten und zermürben.
Thomforde: Zudem ist es auch hin und wieder ein Zeichen an die eigene Mannschaft, um wachzurütteln. Und für mich als Torhüter war das anfangs auch ein geplantes Schauspiel. Torhüter fliegen ja gerne mal unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung, weil meistens diejenigen gefeiert werden, die die Tore erzielen, und nicht die, die sie verhindern. Also dachte ich mir damals: Ich muss etwas mehr auffallen – und fing eben an, nach Paraden etwas ausgelassener zu gestikulieren. Das Gute war, dass meine Frau immer wieder mit mir schimpfte, nachdem ich es allzu sehr übertrieben hatte. Die Schelte einer Ehefrau bringt dich immer wieder runter.
Wir nehmen an, auch gegnerische Stürmer haben Ihnen immer mal wieder eins auf den Deckel gegeben.
Thomforde: Auch die waren nicht immer glücklich mit meinen teils provozierenden Gesten. Vor allem Mario Basler war einer meiner ärgsten Widersacher. Nach einem 1:1 mit St. Pauli gegen Werder Bremen ging ich nach dem Spiel zu ihm. Er sah so aus, als wolle er mir die Nase brechen, dann aber fragte ich ihn, ob ich sein Trikot haben könne, mein Sohn sei großer Basler-Fan. Zuerst war er perplex, dann freundlich. Ich sagte ihm: Schau Mario, wir wollen das Spiel halt auch gewinnen. Nach Abpfiff war ich mit den meisten Gegnern wieder im Reinen.
Aufgrund Ihrer Spielchen nannte man Sie bald „Das Tier im Tor“. Es gab schon charmantere Spitznamen.
Thomforde: Klar, aber ich bin ein großer Tierfreund. Ich hatte früher immer Katzen und Hunde. Tiere sind für mich etwas Besonderes. Der Spitzname störte mich daher noch nie, man darf auch nicht alles persönlich nehmen. Und mit Spott und Häme musste ich natürlich umgehen, das war bei all diesen Jubelgesten einkalkuliert.
Wenn der SC Freiburg mit all Ihren ehemaligen U21-Spielern nun zu Ihrem ehemaligen Club St. Pauli reist, für den Sie am Ende 390 Pflichtspiele bestritten haben, ist die Chance dann groß, dass Sie in Ihrem vollen Wochenendkalender noch ein Plätzchen finden, um nach Hamburg zu reisen?
Thomforde: Ich denke, das wird eher schwierig. Aber wenn‘s zeitlich möglich ist oder ich den Auftrag habe, einen der Spieler zu beobachten, dann sehr gern. Ich bin dem FC St. Pauli natürlich immer noch sehr verbunden, müsste aber hier, da ich auch in Freiburg noch viele Freunde und Bekannte habe, ganz diplomatisch auf ein Remis hoffen. Nicht, dass ich aus Freiburg noch erboste Nachrichten bekomme (grinst).
Interview: Christian Engel
Foto: Imago Images
Bildunterschrift: Klaus Thomforde, 63, stand von 1983 bis 1999 für den FC St. Pauli in 390 Pflichtspielen im Tor (121 Mal ohne Gegentreffer). Wegen seiner Paraden und Jubelgesten bekam er von Fans den Spitznamen „Das Tier im Tor“ verliehen. Seit 2013 ist er Torwarttrainer der deutschen U21-Nationalmannschaft.
Dieses Interview erschien erstmalig in unserem Stadionmagazin Heimspiel, das auch als Abo erhältlich ist.
