"Andere Dinge sind wichtiger"
Jeder Club hat seine Kultfiguren. Vor dem Spiel bei Eintracht Frankfurt kommt in Heimspiel eine der Legenden des nächsten SC-Auswärtsgegners zu Wort: Marco Russ.
Herr Russ, im Mai vor zehn Jahren dürften Sie, nehmen wir an, den größten Schock Ihres Lebens erlebt haben: Bei Ihnen wurde Hodenkrebs diagnostiziert.
Russ: Zum Fußball gehören Niederlagen, aber im Vergleich zu solch einer gesundheitlichen Diagnose ist jede sportliche Niederlage ein Witz. Das war definitiv der größte Schock meines Lebens, ja.
Rückblickend aber vielleicht auch einer der glücklichsten Zufälle? Sie sagten einmal, „wäre der Krebs nicht entdeckt worden, könnte ich heute tot sein“.
Russ: Bei einer üblichen Dopingkontrolle nach einem Bundesligaspiel war ein deutlich erhöhter Beta-HCG-Wert festgestellt worden. Die Anti Doping Agentur ging von Doping aus, also kontrollierten sie mich kurz darauf noch einmal. Erst durch die Untersuchungen kam heraus, dass der Wert aufgrund eines Krebsgeschwürs im Hoden erhöht war – und erst dadurch entdeckte man den Krebs. Körperlich hatte ich gar nichts gespürt. So gesehen war es sicher großes Glück im Unglück.
Das Unglück hielt Sie zunächst nicht davon ab, gleich einen Tag nach der Diagnose die Fußballschuhe zu schnüren ...
Russ: … schließlich stand das Relegationshinspiel gegen den 1. FC Nürnberg an. Da wollte ich unbedingt dabei sein. Und dann unterlief mir ausgerechnet ein Eigentor, und ich handelte mir eine Gelbe Karte ein, wodurch ich für das Rückspiel gesperrt war. Das Spiel endete daheim auch nur 1:1.
Im Rückspiel sicherte sich die Eintracht den Klassenerhalt durch einen 1:0-Sieg. Aber noch mal zurück zum Hinspiel: Die Fans hatten im Vorfeld jener Partie von der Krebsdiagnose erfahren. Bei der Verlesung der Mannschaftsaufstellung riefen sie hinter jedem aufgerufenen Spieler Ihren Nachnamen: Timothy – Russ! Lukas – Russ! Makoto – Russ!
Russ: Die Unterstützung der Fans war enorm. Sowieso stand der gesamte Verein in jener Zeit hinter mir, in besonderem Maße Athletiktrainer Martin Spohrer, der mich nach der Operation und der anschließenden Chemotherapie Schritt für Schritt wieder fit gemacht hat. Wir haben drei Monate lang jeden Tag intensiv gearbeitet, immer in Rücksprache mit den operierenden Ärzten.
Und so standen Sie keine neun Monate nach der Operation wieder auf dem Platz: im DFB-Pokal gegen Arminia Bielefeld.
Russ: Makoto Hasebe war über Nacht krank geworden, so rückte ich für das Viertelfinale spontan in den Kader. Eigentlich hatte mich der damalige Eintracht-Trainer Niko Kovac noch nicht bringen wollen, dann aber war das Spiel gegen Ende so eng, dass er mich aus taktischen Gründen zur Sicherung der 1:0-Führung doch brachte. Zum Glück glich die Arminia nicht mehr aus, eine Verlängerung wäre zu dem Zeitpunkt für mich noch eine happige Sache gewesen (lacht).
Sie und die Eintracht schafften es in jenem Jahr bis ins Pokalfinale, das gegen Borussia Dortmund allerdings mit 1:2 verloren ging. Der große Pokaltriumph folgte aber schon ein Jahr später, 2018, ausgerechnet gegen die schier übermächtigen Bayern.
Russ: Die waren unter Jupp Heynckes extrem souverän Meister geworden, mit mehr als 20 Punkten Vorsprung auf den Zweiten FC Schalke 04. Auch in der Champions League hatten sie es bis ins Halbfinale geschafft. Wir waren im Pokalfinale also krasse Außenseiter. Das Ende aber dürfte den meisten noch bekannt sein: Mit dem Abpfiff gelang uns das 3:1, nach einem Sprint von Mijat Gaćinović auf das leere Bayern-Tor. Das hatten in Frankfurt und der gesamten Fußballwelt wahrscheinlich nur wir Spieler und die Trainer geglaubt, dass wir wirklich etwas reißen könnten gegen die Bayern.
Als i-Tüpfelchen gab es über den Pokal obendrauf die Qualifikation für die Europa League …
Russ: … die dann ebenfalls viele weitere Highlights mit sich brachte. Im Achtelfinale schalteten wir Inter Mailand aus, gewannen nach einem 0:0 im Giuseppe-Meazza-Stadion daheim mit 1:0. Im Viertelfinale holten wir ein 2:4 aus dem Hinspiel bei Benfica Lissabon auf, siegten 2:0 und kamen bis ins Halbfinale, wo wir knapp im Elfmeterschießen am FC Chelsea scheiterten. Das waren großartige Spiele, Erlebnisse und Erfolge.
Um noch einmal auf den allergrößten Erfolg Ihrer Karriere zurückzukommen: Wie hat sich Ihr Blick auf das Leben und den Fußball verändert durch die Diagnose und die erfolgreiche Heilung?
Russ: Ich hatte 2012 schon mal eine schwierige Zeit in Wolfsburg überstanden, als ich nach einem guten ersten Jahr unter Felix Magath auf einmal keine Minute mehr spielte und nur noch bei der U23 eingesetzt wurde. Schon damals änderte sich mein Blick auf den Fußball, und mir wurde bewusst, dass – so sehr wir den Fußball auch lieben – einfach andere Dinge im Leben noch wichtiger sind: die Gesundheit, das private Glück. Seit der erfolgreichen Heilung des Hodenkrebses höre ich meinem Körper definitiv besser zu. Und ich ermutige alle dazu, die Krebsvorsorge wahrzunehmen, die wir glücklicherweise haben. Bei Hodenkrebs dauert das 15 Minuten: Blut abnehmen, Urinprobe abgeben, Ultraschall, fertig. Keine große Sache für ein gesundes Leben.
Interview: Christian Engel
Bildunterschrift: Marco Russ (40) spielte von 2004 bis 2011 und von 2013 bis 2020 bei Eintracht Frankfurt (328 Pflichtspiele). Der frühere Innenverteidiger ist heute als Spielanalyst bei den Hessen tätig. Sein größter sportlicher Erfolg: der DFB-Pokalsieg 2018. Sein größter persönlicher Erfolg: den Krebs besiegt zu haben.

