"Fester Platz im Herzen"
Jeder Club hat seine Kultfiguren. Vor dem DFB-Pokalspiel bei Hertha BSC kommt eine der Legenden des nächsten SC-Auswärtsgegners zu Wort: Vladimír Darida.
Vladimír, Ende November hat der Sport-Club in der Europa League bei deinem Heimatverein FC Viktoria Pilsen gespielt. Jetzt wartet auf den SC das DFB-Pokal-Viertelfinale bei Hertha BSC. Wirst du das Duell deiner beiden Ex-Bundesliga-Clubs verfolgen?
Darida: Das Pokalspiel werde ich mir hundertprozentig anschauen. Natürlich wäre ich sehr gerne im Berliner Olympiastadion, aber aufgrund des Trainingsbetriebs ist das leider nicht realistisch. Deshalb werde ich es mir sehr wahrscheinlich zu Hause vor dem Fernseher ansehen. Nach zweieinhalb Jahren bei Aris Thessaloniki in Griechenland hat es mich im Sommer wieder in die tschechische Heimat verschlagen. Dort spiele ich beim FC Hradec Králové mit Vaclav Pilar zusammen, mit dem ich damals zum SC gewechselt bin. Pavel Krmas ist Co-Trainer der Zweiten Mannschaft. Wir denken sehr gerne an unsere Zeit in Freiburg zurück. Es war für uns alle eine sehr schöne Phase, mit vielen intensiven und positiven Erinnerungen.
Nicht nur in Freiburg hast du bleibenden Eindruck hinterlassen. Für Hertha BSC hast Du 190 Pflichtspiele absolviert. Fredi Bobic hat dich damals beim Abschied als „Vollblut-Herthaner“ bezeichnet. Welche Verbindungen hast du noch zur Hertha, welche zum SC?
Darida: Aus meiner Zeit sind in beiden Clubs nicht mehr viele Mitspieler übrig. Trotzdem haben sowohl Hertha als auch Freiburg einen festen Platz in meinem Herzen, und ich verfolge die Entwicklung beider Vereine sehr aufmerksam.
Nach der Abstiegssaison mit dem SC bist du 2015 nach Berlin gewechselt, um weiter Bundesliga spielen zu können. Wie war für dich persönlich und sportlich die Umstellung, aus Freiburg in die Hauptstadt zu wechseln?
Darida: Mein Wechsel zu Hertha BSC war tatsächlich stark davon geprägt, weiterhin in der Bundesliga spielen zu können. Im Hinblick auf die Nationalmannschaft und meine persönlichen Ziele habe ich mich bewusst für diesen Schritt entschieden. Die Umstellung war in jeder Hinsicht groß. Ich war damals noch jung und habe mich schnell angepasst, aber sowohl die Städte als auch die Clubs unterschieden sich natürlich deutlich voneinander.
Sowohl beim SC als auch bei Hertha hast du Europa-League-Spiele, aber auch Abstiegskampf erlebt. Hast du einen unterschiedlichen Umgang mit den Schwankungen erlebt?
Darida: In den europäischen Wettbewerben war der Umgang in beiden Clubs sehr ähnlich. Der große Unterschied zeigte sich jedoch im Abstiegskampf. Bei Hertha fehlte nach dem Einstieg des neuen Investors die innere Ruhe – es begann eine Spirale aus Transfers und Trainerwechseln, was letztlich auch zum Abstieg führte. In Freiburg hingegen blieb trotz des Abstiegs die Kontinuität erhalten, und der Verein schaffte ja sofort die Rückkehr in die Bundesliga.
In der Saison 2015/16 ist Hertha erst im Pokal-Halbfinale im Olympiastadion an Borussia Dortmund gescheitert. Du hast dieses Spiel verletzt verpasst. Wie groß ist in Berlin der Wunsch, einmal ein DFB-Pokal-Finale im eigenen Stadion zu bestreiten?
Darida: Die Sehnsucht ist riesig, und die Teilnahme am DFB-Pokal hat deshalb für Hertha eine ganz besondere Bedeutung. Berlin wird ein sehr unangenehmer und kämpferischer Gegner sein, der die Chance hat, den langjährigen Traum der Fans vom Finale im eigenen Stadion Wirklichkeit werden zu lassen. In solchen Spielen verschwimmt der Unterschied zwischen erster und zweiter Liga, und es wird für Freiburg eine sehr anspruchsvolle Aufgabe.
Ausgerechnet gegen den Sport-Club hast du 2019/20 in deinem 100. Bundesligaspiel für Hertha BSC im Olympiastadion sehr sehenswert getroffen. Welche Erinnerungen hast du an das Spiel?
Darida: An diesen Tag und dieses Spiel erinnere ich mich sehr gut. Es war eine sehr besondere, aber auch schwierige Situation. Ich habe ein schönes Tor erzielt, aber wirklich freuen konnte ich mich nicht – zum einen, weil meine Gedanken ganz woanders waren, zum anderen auch, weil das Tor gegen einen Club gefallen ist, den ich immer im Herzen getragen habe. Meine Frau und mein Sohn lagen damals im Krankenhaus. Direkt nach dem Spiel bin ich in die Kabine geeilt, um mich umzuziehen und zu ihnen zu fahren.
In Berlin hast du damals Deinen beim SC aufgestellten Bundesliga-Laufrekord nochmals übertroffen (14,65 km). Er wurde erst kürzlich vom Mainzer Lennard Maloney gebrochen. Spulst du aktuell bei Hradec Králové immer noch so ein Pensum ab?
Darida: Trotz meines Alters laufe ich in den Spielen immer noch sehr viel, aber nicht mehr so viel wie früher (lacht). Die Laufkilometer werden weniger, dafür versuche ich, das durch Erfahrung und besseres Spielverständnis auszugleichen.
Hand aufs Herz, wem drückst du im DFB-Pokal-Viertelfinale die Daumen?
Darida: Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich gönne es beiden Clubs. Deshalb werde ich wohl einer der wenigen sein, der sich unabhängig vom Ergebnis freuen kann.
Interview: Thomas Müller Heiduk
Bildunterschrift: Vladimír Darida, 35, (rechts im SC-Trikot mit Christian Streich und Pavel Krmas), bestritt von 2015 bis 2022 für Hertha BSC 190 Pflichtspiele (16 Tore). Zuvor war er von 2013 bis 2015 beim SC (61 Spiele, 11 Tore). Aktuell spielt er beim tschechischen Erstligisten FC Hradec Králové.

