"Es ist cool, Vertrauen zu schenken"
Als „introvertierte, noch recht unsichere“ 21-Jährige kam Lisa Kolb 2021 zum SC Freiburg, bei dem sie über die Jahre zur echten Führungsspielerin gereift ist. Was ihr dabei besonders wichtig ist, erklärt sie im Interview.
Lisa, in der laufenden Saison bist du in allen sechs Liga-Partien in der Startelf gestanden und hast dabei schon recht unterschiedliche Rollen auf dem Platz ausgefüllt. Wie fällt dein persönliches Zwischenfazit aus?
KOLB: Ich bin auf jeden Fall sehr zufrieden mit meiner Spielzeit. Mich als Offensivspielerin gegen Mainz und zuletzt auch in Köln auf der rechten Außenverteidigerposition wiederzufinden, war anfangs tatsächlich etwas ungewöhnlich (lacht). Aber ich habe jeweils nur wenige Stunden vor dem Spiel von Marco (Cheftrainer Marco Konrad,Anm. d. Red.) erfahren, dass ich in der Defensive spielen werde unddie Kurzfristigkeit hat mir geholfen, mir deutlich weniger Gedanken über die Umstellung zu machen (lacht).
Wie erging es dir dann auf dem Platz mit dem Rollenwechsel?
KOLB: Ich muss schon sagen, dass es mich anfangs schon nervös gemacht hat (lacht). Vorne gehe ich gerne mutig ins Dribbling, was im Hinblick aufs Risikomanagement in der Verteidigung natürlich eine ganz andere Sache ist. Ich bin zwar eine schnelle, aber keine ausgeprägt physische Spielerin, deshalb hilft mir dieser Rollenwechsel bei der Verbesserung meines Spiels gegen den Ball und im Eins-gegen-eins sehr weiter. Das ist sehr positiv. Es ist eine gute Erfahrung, meine Qualitäten auch auf ungewohntem Terrain einbringen zu können. Und wenn ich das Gefühl habe, vom Team gebraucht zu werden, mache ich es besonders gerne.
Dass du dich beim 3:0-Sieg gegen den 1. FSV Mainz 05 Mitte September erstmals in dieser Spielzeit auf der Außenverteidigerposition wiedergefunden hast, war nicht die einzige Besonderheit in dieser Partie. Du bist auch in Vertretung von Lisa Karl als Kapitänin aufgelaufen. Zeigt das neben dem Umstand, dass dir der Trainer auf einer für dich ungewohnten Position das Vertrauen schenkt, auch deine weiter gestiegene Bedeutung im Teamgefüge?
KOLB: Das kann man schon so sehen. Karle, Meret (Lisa Karl und Meret Felde, Anm. d.Red.) und ich sind allein wegen unserer langen Zeit im Breisgau zu Konstanten im Team geworden. Auch wenn ich häufiger verletzt war, war ich dennoch immer präsent und kenne die Begebenheiten entsprechend gut. Die schrittweise Übernahme von Verantwortung hat sich aber mehr oder weniger von selbst ergeben und ist etwas über die Jahre Gewachsenes, finde ich.
Im vergangenen Winter hast du deinen Vertrag zum zweiten Mal verlängert. Seit Sommer bekleidest du zudem ein wichtiges Amt: Im Trainingslager in Schruns bist du von deinen Kolleginnen neben Jana Vojteková und Amira Arfaoui in den Teamrat gewählt worden. Was hat sich für dich mit dieser neuen Rolle verändert?
KOLB: Tatsächlich hat sich dadurch im Vergleich zum Vorjahr gar nicht so viel verändert. Schon vor der Wahl in den Teamrat habe ich gerne Verantwortung für unser Team übernommen. Das muss ja nicht zwingend mit der Ausübung eines Amtes verbunden sein. Die Wahl in den Teamrat macht mich aber echt stolz und ist für mich Beleg meiner positiven Entwicklung seit dem Wechsel nach Freiburg. Gerade wenn ich an meine Anfänge im Sommer 2021 zurückdenke, bemerke ich die großen Fortschritte, die als Spielerin, aber auch in meiner Persönlichkeitsentwicklung gemacht habe.
Inwiefern?
KOLB: Als ich nach Deutschland kam, war ich doch recht introvertiert und noch etwas unsicher – sowohl auf als auch abseits des Platzes. Gerade deshalb freut es mich sehr, dass das Team neben meinen fußballerischen Qualitäten auch meinen Wert als Mensch erkennt. Das ist mir ehrlich gesagt sogar noch wichtiger als der reine Stellenwert als Spielerin.
Wie kannst du dich als Mitglied des Teamrats konkret einbringen?
KOLB: Auch aufgrund meiner Erfahrungen, die ich im Jugendbereich gesammelt habe, spüre ich die Verantwortung besonders gegenüber den super vielen jungen Mitspielerinnen, die wir im Team haben. Es ist an uns älteren Spielerinnen, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie Spaß haben und mutig sein dürfen. Dazu gehört auch, ihnen bei Fehlern, die zwangsläufig passieren, bestmöglich den Rücken freizuhalten. In dem Zusammenhang hatte es für mich auch etwas Schönes, in der Länderspielpause da zu sein: Wegen der vielen Abstellungen sind einige U20-Spielerinnen hochgekommen. Wenn ich als junge Fußballerin die Chance gehabt hätte, mit den Profis zu trainieren, hätte ich das auch sehr cool gefunden.
Hilft euch der positive Saisonstart auch dabei, weiter mutig zu sein?
KOLB: Ja, die Zwischenbilanz gibt unserem sehr jungen Team auf jeden Fall Selbstbewusstsein. Wir sind im Pokal eine Runde weitergekommen und haben in der Liga zehn Punkte aus sechs Spielen geholt. Mit Union Berlin und dem 1. FC Köln waren auch Gegnerinnen darunter, gegen die du durchaus verlieren kannst. Deshalb waren das aus meiner Sicht richtige Big Points. Auch aufgrund des großen personellen Umbruchs hatten uns vor der Saison nur wenige auf dem Zettel. Dass der Sport-Club seit vielen Jahren konstant auf junge Spielerinnen setzt, ihnen Vertrauen schenkt und sie behutsam fördert, finde ich richtig cool. Man merkt zudem sehr, dass Marco als ausgebildeter Lehrer schon mit vielen jungen Menschen zusammengearbeitet hat.
Interview: Thomas Müller Heiduk, Alexander Roth und Fabian Volz
Das gesamte Interview mit Lisa Kolb ist in Ausgabe 4 von AM BALL 2026/27 erschienen und kann hier als digitaler Download abgerufen werden.
