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„Ein Bedürfnis, Haltung zu zeigen“

 

Der rassistische Anschlag von Hanau hat ganz Deutschland erschüttert. Zehn Tage später wird Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp in mehreren Bundesligastadien zum wiederholten Male aufs Übelste beleidigt. Im Interview erklären die SC-Vorstände Oliver Leki und Jochen Saier, wie der Sport-Club mit solchen Vorfällen umgeht und was der Fußball und der SC Freiburg grundsätzlich im Kampf gegen Rassismus, rechte Gewalt, Diffamierung und Diskriminierung tun kann.

 

Herr Leki, Herr Saier, der SC Freiburg hat sich – durchaus ungewöhnlich – über die sozialen Medien zu dem Anschlag in Hanau geäußert und für diesen Post viel Zustimmung erhalten

 

Oliver Leki: So ungewöhnlich war das gar nicht. Viele Vereine haben ganz spontan den Betroffenen dieser unfassbaren Morde ihr Mitgefühl und ihre Solidarität zum Ausdruck gebracht. Und am darauffolgenden Spieltag gab es dann ja auch in allen Stadien der Bundesliga und Zweiten Bundesliga Gedenkminuten, alle Mannschaften haben außerdem mit Trauerflor gespielt. Es war auch eine Demonstration, wo der Fußball und der übergroße Teil seiner Anhänger stehen, wenn es darum geht, sich im Kampf gegen Rassismus zu positionieren.

 

Als ungewöhnlich und sehr positiv empfanden viele, dass der Sport-Club neben dem Mitgefühl für die Opfer, ihre Angehörigen und Freunde auch die politische Dimension der Morde thematisiert hat. So wurde in dem Post ausdrücklich darauf verwiesen, dass es zu den Grundwerten des Sport-Club gehört, „verfassungs- und fremdenfeindlichen sowie rassistischen Bestrebungen entschieden entgegenzutreten“.

 

Jochen Saier: Weil es zum Kern unseres Selbstverständnisses zählt – und das wissen die Menschen, die den Sport-Club kennen ja auch. Nicht umsonst haben wir die Passage, die Sie zitiert haben, schon vor Jahren in genau diesem Wortlaut in unsere Satzung aufgenommen und 2018 nochmals ergänzt. Und weil wir von diesen rassistisch motivierten Morden in Hanau zutiefst bestürzt waren und sind, war es uns ein Bedürfnis, diese Haltung, für die der SC Freiburg steht, in unserer spontanen Stellungnahme auch explizit so zu zeigen. 

 

Im Sommer vergangenen Jahres hat der AfD-Politiker Dubravko Mandic in seiner Funktion als Gemeinderat von der Stadt Freiburg ein Saisonticket für die laufende Spielzeit erworben. In der Folge kam es, vor allem beim ersten Heimspiel der laufenden Saison gegen Mainz 05, sowohl im Stadion als auch im Internet zu Protesten der SC-Fans. Dabei wurde auch dessen Ausschluss bei Heimspielen gefordert. Wie beurteilen Sie diesen Fall heute? 

 

Leki: Bei diesem Einzelfall muss man zunächst wissen, dass die Stadt im Rahmen des Pachtvertrags des Schwarzwald-Stadions über ein Kartenkontingent für den Gemeinderat verfügt. Auf diese Ticketvergabe hatten wir keinen Einfluss. Gleichwohl haben wir der Stadt unsere Bedenken mitgeteilt, dass eine Person, die sich selbst öffentlich explizit als „Fußballhasser“ bezeichnet und zudem wiederholt mit Äußerungen in den Medien und der Öffentlichkeit auftritt, die mit den Grundsätzen unseres Vereins nicht vereinbar sind, in unserem Stadion und in unserem Verein nicht willkommen ist. Insofern kann ich die Proteste unserer Fans verstehen.

 

Kam eine Durchsetzung des Hausrechts für Sie nicht in Betracht? 

 

Leki: Auch diese Option haben wir umfassend geprüft. Eine Durchsetzung wäre juristisch aber nicht haltbar gewesen. 

 

Was kann der Fußball im Allgemeinen und ein Verein wie der Sport-Club grundsätzlich denn tun, um dem Erstarken von rechtsradikalen Strömungen entgegenzuwirken?

 

Leki: Dass unsere Satzung ein offensives Bekenntnis zur Weltoffenheit und gegen jegliche Form von Diskriminierung beinhaltet, hatten wir erwähnt. Noch viel wichtiger aber ist es, dass wir diese Satzung leben: Indem wir die Werte, für die der SC Freiburg steht, innerhalb des Vereins, aber auch nach draußen zu vermitteln versuchen. Anders gesagt: Wir versuchen, auf vielfältige Art, präventiv und konstruktiv gegen die Verbreitung dieser autoritären und auf Spaltung der Gesellschaft zielenden Denkmuster zu arbeiten. Und wir denken nicht zuletzt mit unserer Abteilung „Gesellschaftliches Engagement" beständig darüber nach, wie wir diese Arbeit sinnvoll weiter ausbauen können.

 

Können Sie das an Beispielen erläutern?

 

Saier: Ganz konkret und um es auf einen einfachen Nenner zu bringen: In jedem Training oder Spiel unserer Jugendmannschaften, aber auch in den 25 Füchslecamps, die wir jedes Jahr in ganz Südbaden durchführen, oder den 14 AGs, mit denen wir wöchentlich in Grundschulen in Freiburg und dem Umland gehen - überall da und bei vielen anderen Projekten, die wir fördern, ist das Einüben eines respektvollen, toleranten und solidarischen Umgangs miteinander immanenter Teil des Prozesses. Sport im Allgemeinen und Fußball als Mannschaftssport im Speziellen verbindet Menschen und kann daher einen wertvollen Teil dazu beitragen, fremdenfeindlichen Tendenzen den Nährboden zu entziehen. Darüber hinaus fördern wir beim Sport-Club und zusammen mit unseren Sponsoren, der Achim-Stocker-Stiftung und dem Förderverein Freiburger Fußballschule über viele Jahre hinweg - und das in immer zunehmendem Umfang - viele externe und interne Projekte, die sich im Sinne einer funktionierenden Zivilgesellschaft engagieren. Darunter fallen auch alle unsere Aktivitäten unter dem Oberbegriff „Freunde statt Fremde", die sich für Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und gegen Diskriminierungen einsetzen.

 

Lassen Sie uns nochmals über die Konsequenzen der Proteste beim Heimspiel gegen den 1. FSV Mainz sprechen: Beim dritten Heimspiel der Saison gegen den FC Augsburg wurde ein Anhänger des SC Freiburg auf dem Stadiongelände von der Polizei abgeführt. Nicht wenige halten diesen Polizeieinsatz für überzogen.

 

Leki: Ganz konkret ging es um eine Personalienfeststellung eines jugendlichen SC-Fans. Ich will es nochmals klar sagen: Für Proteste, die sich für Werte einsetzen, denen wir uns verpflichtet fühlen, haben wir absolutes Verständnis, und sie werden von uns auch unterstützt. Klar ist aber auch, dass wir Beleidigungen jedweder Art im Stadion nicht tolerieren. Nachdem wir als Verein den ganzen Vorgang im Nachhinein umfänglich recherchiert haben, sehen wir den Einsatz ebenfalls kritisch und die Frage nach der Verhältnismäßigkeit zu Recht gestellt. Wir arbeiten darauf hin, dass in solchen Fällen künftig sensibler agiert wird.

 

Kommt dem Fußball - mit Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen - nun eine besondere Verantwortung zu?

 

Saier: Ich bin der Meinung, dass der Fußball und seine Akteure - gerade jetzt, aber auch grundsätzlich - ihre Reichweite nutzen sollten, um diesen negativen gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken. Wichtig ist aus meiner Sicht aber auch, dass jeder Einzelne seine Verantwortung erkennt - nicht nur im Stadion oder auf dem Fußballplatz, sondern überall im Alltag. Es wird darauf ankommen, dass jeder Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten aktiv für die gemeinsame Sache einsteht.

 

Leki: Eine Einschätzung, die ich absolut teile. Man darf in diesem Zusammenhang auch nicht verschweigen, dass wir seit einiger Zeit - und nach der Wahl in Thüringen ist das im Großen sehr deutlich geworden - eine gewisse Hilflosigkeit in der Politik erleben: Parteien, die auf der Suche nach ihrer eigenen Rolle sind und sich gegenseitig die Schuld zuweisen. Wir alle wissen um die komplizierte Situation und dass es keine einfachen Antworten gibt. Dennoch braucht es Lösungen für die Zukunft. Wir werden dies als SC Freiburg im Rahmen unserer Möglichkeiten unterstützen und uns für Toleranz und gegen jegliche Form der Diskriminierung einsetzen.

 

Der Umgang mit Rassismus und rechter Gewalt ist das eine Problem, das vor allem auch ein gesellschaftliches ist. Wie aber gehen der deutsche Fußball und der SC Freiburg mit diesen wüsten Beleidigungen und Schmähgesängen wie gegen Dietmar Hopp um?

 

Saier: Ich würde in diesem Zusammenhang gerne betonen, dass beim Sport-Club über Jahrzehnte hinweg eine gute Fan- und Stadionkultur gewachsen ist, die unsere Anhänger im Zusammenspiel mit dem Verein geschaffen haben. Eine Fan- und Stadionkultur, die für Weltoffenheit und Toleranz steht, so wie wir sie als SC Freiburg vertreten wollen. Bedauerlicherweise gibt es auch in unseren Reihen immer wieder Einzelne, die sich nicht im Sinne unserer Grundwerte sowie eines respektvollen Miteinanders verhalten. Wie es überall Minderheiten sind, die ganze Gruppen oder Vereine in Verruf bringen. Kritik und Faninteressen dürfen sehr wohl zum Ausdruck gebracht und artikuliert werden - Diffamierungen sind menschenunwürdig. Ich sage es daher nochmals in aller Deutlichkeit: Anfeindungen, Hass und Hetze - im Stadion, im Internet und in der Öffentlichkeit - sind völlig inakzeptabel und werden wir - egal gegen wen sie sich richten - nicht tolerieren.

 

Leki: Die schlimmen Anfeindungen gegen Dietmar Hopp sind schlichtweg nicht hinnehmbar. Sie diffamieren einen Menschen, und fügen dem Fußball Schaden zu.