Jetzt den Newsletter abonnieren!

Bleiben Sie auf dem Laufenden:

Wir geben Ihre Daten selbstverständlich nicht an Dritte weiter. Abmelden jederzeit möglich.

  1. Newsletter
  2. Facebook
  3. Instagram
  4. Twitter

Launiger Fan-Talk mit Abrashi, Borrello und Grifo

 

Zum zweiten Mal hat die Fanbetreuung in der Vorwoche SC-Anhänger im Alter von 16 bis 21 Jahren zu einer Talkrunde mit SC-Profis eingeladen. Zum diesmaligen Thema "Andere Länder, andere Fußballkulturen!?" standen die Nationalspieler Amir Abrashi (Albanien), Brandon Borrello (Australien) und Vincenzo Grifo (Italien) fußballgetreue 90 Minuten samt Nachspielzeit Rede und Antwort. 


Für die Überraschung des Abends sorgte Brandon Borrello, 23, der vor knapp einem Jahr vom 1. FC Kaiserslautern an die Dreisam gewechselt war und überhaupt erst zwei Jahre in Deutschland ist.

 

Der australische Offensivmann hatte nämlich seine Deutschlehrerin Stefanie Nerling (Pädagogische Leiterin der Freiburger Fußballschule) vorsichtshalber als Dolmetscherin im Publikum, meisterte dann den gesamten Auftritt aber kurzerhand auf Deutsch. Was ihm nicht nur einen Seitenhieb von Kollege Amir Abrashi, 28, einbrachte. "So viel Deutsch hast Du in der Kabine noch nie gesprochen", meinte der. Lacher unter den knapp 20 anwesenden Jugendlichen, das Eis war gebrochen.

 

Damit näherte sich die Fanbeauftragte Sabrina Tröller, die durch die Veranstaltung führte, dem eigentlichen Thema des Abends. Mit der Frage: Was ist denn überhaupt landestypisch? 

 

"Für mich ist das klar", sagte Vincenzo Grifo, 26, prompt. "Typisch deutsch sind für mich Pünktlichkeit und Disziplin. Dieses brutale Arbeiten mit hundertprozentiger Gier. Da sind die Italiener schon etwas mehr Larifari. Was die Fußballfans angeht, nehmen sich die deutschen und die italienischen aber nichts. Die sind gleich verrückt."

 

Ähnlich wie der in Pforzheim geborene Linksaußen sah's auch sein bester Freund und Mitspieler Abrashi, der einen kosovarisch-albanisch-schweizerischen Ursprung hat. Die Schweizer seien eher wie die Deutschen, "diszipliniert und pünktlich wie das Schweizer Uhrwerk". Die Albaner machten sich dagegen keinen Stress, seien locker - und in puncto Essen richtige Genießer. Pasul beispielsweise, eine albanische Bohnensuppe, steht beim Mittelfeldmann ganz oben auf dem Zettel. 

 

Borrello, der im knapp 16.000 Kilometer Luftlinie entfernten Adelaide zur Welt kam, erinnerte sich noch an ganz andere Vorzüge seiner Heimat. "Bei meinem Ex-Verein Brisbane Roar lagen wir nach jedem Training am Strand. Hier muss ich mich an die Winter noch gewöhnen."

Bei wohliger Wohnzimmeratmosphäre kristallisierten sich auch die sportlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten immer mehr heraus.

 

Wie die albanische Liga Kategoria Superiore besteht beispielsweise auch die australische A-League aus nur zehn Mannschaften. In Down Under spielen neben der regulären Saison die sechs am besten platzierten Teams am Ende die Meisterschaft im Play-offs-Modus aus. In der Regel allerdings, das wusste Borrello zu berichten, ohne Auswärtsfans. Der Grund: Die Distanzen zwischen zwei gegnerischen Teams können gut und gerne auch mal mehrere Flugstunden betragen.

 

In Italiens Serie A kämpfen 20 Mannschaften um den Titel, die drei punktschwächsten steigen direkt ab. Relegation ist hier ein Fremdwort. Ganz anders als Derbys. Die traditionsreichsten gibt es in Italien zwischen dem AC und Inter Mailand, zwischen Juventus und dem FC Turin sowie zwischen Sampdoria und Genoa. "Wie die Fans den Fußball leben - unglaublich", sagte Grifo.

 

Eine Entwicklung, die Australien wohl noch vor sich hat. Dort wird der Fußball zwar immer populärer, die Fankultur ist aber längst nicht so gefestigt wie etwa in Deutschland, erzählte Borrello. Vielleicht auch, weil Auf- und Abstiege bisher nicht Teil des Wettbewerbs sind. Der 23-Jährige hat erst in seiner Zeit beim 1. FC Kaiserslautern und jetzt eben beim SC gemerkt, "dass Fußball-Fans richtig passionate und crazy" sein können. Bier werde zwar auch in Australien reichlich konsumiert, generell seien Fußballspiele aber eher ein Come-Together für die ganze Familie.

 

In Albanien, wo laut Abrashi zahlreiche Menschen die Bundesliga verfolgen und Bayern-Fans sind, zieht die Rivalität zwischen den Hauptstadt-Teams FK Partizani Tirana und KF Tirana die Aufmerksamkeit besonders auf sich. Auch hier ist die Fußballkultur tief in der DNA des Landes verwurzelt. Manchmal so tief, dass sie politische Gräben nicht umschiffen kann.

 

Als bei der Partie zwischen Albanien und Serbien im Jahr 2014 vor den Augen von Abrashi und der Fußball-Welt eine Drohne samt albanischer Flagge mitten auf das Spielfeld segelte, musste die Begegnung aus Angst vor einer Eskalation abgebrochen werden. Szenen, die hierzulande oder auch in Ländern wie der Schweiz unvorstellbar sind.

Abrashi kennt beides. Im schweizerischen Bischofszell aufgewachsen, spielte er bis zur U21 für die Eidgenossen, lernte dort den damaligen Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld kennen und schätzen. Doch als wenig später auch Albanien Interesse bekundete, entschied sich der 1,72-Meter-Mann im Jahr 2013 für Albanien.

 

Erstmals qualifizierte sich das Land mit dem Adler auf der Flagge in der Folge für eine Europameisterschaft. Begegnungen mit Cristiano Ronaldo und ähnlichen sportlichen Kalibern standen an der Tagesordnung. "Das war eine sehr spannende Erfahrung", sagte Abrashi.

 

Borrello nannte es "das beste Gefühl und richtig cool", in den vergangenen Jahren für Australiens Nachwuchsteams aufgelaufen zu sein. Nach überstandenem Kreuzbandriss macht sich der Flügelspieler jetzt berechtigte Hoffnungen auf eine Nominierung für das australische Erwachsenen-Team. Denn trotz zahlreicher anderer beliebter Sportarten bei seinen Landsleuten stand für den Halbitaliener der Fußball immer an oberster Stelle.

 

Ebenso wie für Mitspieler Grifo. "Ich habe immer davon geträumt, für die Squadra Azzurra zu spielen. Als Kind habe ich mir für fünf Euro auf dem Markt ein Shirt von meinen Lieblingsspielern gekauft und habe versucht, die zu simulieren", plauderte er aus. Mittlerweile kann er sein eigenes Vorbild sein. Bei seinem Debüt für die italienische Nationalmannschaft im November 2018 reiste seine Familie zumindest mit zwei vollen Bussen nach Belgien. Grifo: "Das werde ich für den Rest meines Lebens im Kopf behalten."

 

Sina Ojo