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Große Liebe auf den zweiten Kick

 

Franz-Karl Opitz führt Tagebuch. Seit 1974 dokumentiert er darin auch jedes besuchte SC-Spiel. Gegen Wolfsburg sieht er die 800. Partie seines SCF im Stadion. Im Interview erzählt der pensionierte Lehrer von Außenseiterliebe, falscher Sentimentaliät – und warum SC-Fans der späten 1970er als Kinderchor tituliert wurden.

 

Heimspiel: Herr Opitz, wie sind Sie auf die Idee gekommen, alle besuchten SC-Spiele schriftlich festzuhalten?

 

Franz-Karl Opitz: Ich führe ein ganz normales Tagebuch seit 1973. Und im Rahmen dieser Einträge habe ich alle besuchten Fußballspiele dokumentiert. Und es ist einiges zusammengekommen: Gegen Wolfsburg werde ich mein 800. SC-Pflichtspiel im Stadion miterleben.

 

Fangen wir doch einfach ganz vorne an. Was war das erste SC-Spiel, das Sie je besucht haben?

 

Mein allererstes SC-Spiel, an das ich mich erinnern kann, ist das Derby zwischen dem Sport-Club und dem Freiburger FC, nachdem der FFC aus der Zweiten Liga abgestiegen war: Es war am 19. Oktober 1974. Das Spiel fand vor 5000 Zuschauern im Unistadion in der Schwarzwaldstraße statt, das der damalige Präsident Achim Stocker seinerzeit von der Stadt angemietet hatte. Das Spiel endete 1:1.

 

War es also Liebe auf den ersten Kick?


Nein. Es hat sich damals nicht direkt eine Fanliebe entwickelt. Das hat noch ein paar Jahre gedauert, bis zu den Aufstiegsspielen 1978. Damals, beim Spiel gegen den FV 09 Weinheim, sind sie nach 10 Minuten 2:0 hinten gelegen. Das Spiel gewann der Sport-Club noch mit 4:2, am Ende ist Freiburg in die Zweite Liga aufgestiegen. Von da an hatte ich Sympathien für den Verein.

 

Das war zu dieser Zeit eher eine Besonderheit in Freiburg. Warum sind Sie beim Sport-Club hängen geblieben und nicht wie so viele beim anderen großen Verein der Stadt, dem Freiburger FC?

 

Es stimmt, Ende der 70er-Jahre war der kleine SC in Freiburg noch nicht arg beliebt. Aber irgendwann liebte ich es, für den Außenseiter zu sein …

 

Gab es einen bestimmten Auslöser dafür?

 

Ja, dazu muss man wissen, dass der SC im ersten Jahr nach dem Aufstieg in die Zweite Liga im Möslestadion spielen musste. Das war schon eine Art Demütigung, denn die Stadt war damals nicht bereit, einen erforderlichen Zaun um das Spielfeld im Dreisamstadion zu bezahlen. Von allen Seiten gab es damals hämische Kommentare. Und da hab ich mir dann gesagt: Jetzt halte ich zu den Kleineren. In dieser Saison ist die Sympathie dann zu Liebe geworden – und beim Derby gegen den FFC war ich bereits vollkommener SC-Fan. Wir waren eine kleine Minderheit, der FFC war damals immer noch die große Nummer.

 

Seit der Saison 1978/79 sind Sie also fast immer dabei. Wann gab es die erste Dauerkarte?

 

Die habe ich 1985 erworben. Damals las ich in der Zeitung eine kleine Anzeige, in der zu verbilligten Konditionen eine Dauerkarte für die Rückrunde angeboten wurde. Die habe ich dann bei Achim Stocker im Wohnzimmer abgeholt. Bei ihm auf dem Sofa sitzend durfte ich mir die Plätze für meinen Freund und mich noch selbst aussuchen. Die Frau von Achim Stocker holte die Karte damals aus einer Schatulle heraus und überreichte sie mir: Und seitdem habe ich ununterbrochen eine Dauerkarte für die Haupttribüne.

 

Vermissen Sie manchmal diese familiäre, sehr persönliche SC-Atmosphäre?


Nein, überhaupt nicht. Ich durfte eine unglaubliche sportliche Entwicklung beobachten: Ich habe miterlebt, wie aus einem kleinen, unbedeutenden, unbekannten Verein, den selbst in Freiburg kaum jemand kannte, einer der bundesweit beliebtesten geworden ist. Und der jetzt seit 25 Jahren die meiste Zeit in der Bundesliga spielt: Das ist ein Traum, wenn man sowas als Fan miterleben darf. Ich trauere den alten Zeiten überhaupt nicht nach. Auch weil der SC für mich immer noch ein Verein zum Anfassen geblieben ist.

 

Wenn der SC dann ins neue Stadion umzieht, werden Sie dem Schwarzwald-Stadion also auch nicht nachtrauern?


Klar, auch ich werde ein Tränchen vergießen nach dem letzten Spiel im alten Stadion. Aber ansonsten werde ich da nicht sentimental. Man darf auch nicht vergessen, dass auch das Dreisamstadion sich ständig verändert hat: Am Anfang hatten nur 2000 Zuschauer Platz, jetzt fast 25.000. Ich freue mich wahnsinnig auf das neue Stadion, wenn dann über 34.000 Menschen zuschauen können.

 

Wenn man wie Sie so viele Höhen und Tiefen miterlebt hat, nimmt man Negativerlebnisse wie einen Abstieg dann irgendwann gelassener auf?

 

Nein. Das Herz blutet jedes Mal. Das Buch "Fever Pitch" von Nick Hornby beschreibt das super. Als Fan gehört das Leiden mit seinem Verein unmittelbar dazu. Ohne Leiden, ohne Mitleiden, ist man kein Fan.

 

Wieso muss man Fußball live im Stadion miterleben? Wieso haben Sie sich 800 Mal gegen das Sofa und für’s Stadion entschieden?

 

Ich nehme immer, wenn ich im Stadion bin, die Spiele daheim auf, damit ich sie, wenn sie toll waren, zuhause noch einmal anschauen kann. Und wenn man das vergleicht mit dem Erlebnis im Stadion – das kann man einfach nicht vergleichen. Da hört man nicht viel, da wird alles runtergeregelt. Von der eigentlichen Stimmung, von der Atmosphäre, die ein Fußballspiel so interessant machen, kriegst du vor dem Fernseher wenig mit. Deshalb werde ich, solange ich laufen kann, immer ins Stadion gehen.

 

Wie unterscheidet sich das Stadionerlebnis heute von den ersten Spielen, die Sie als Zuschauer vom SC gesehen haben?

 

Wie gesagt, der FFC war der große Verein in der Stadt, selbst als der SC dann in der Zweiten Liga gespielt hat. Ich erinnere mich da beispielsweise an ein Spiel gegen den MTV Ingolstadt: 600 Zuschauer. Da hätte Achim Stocker quasi noch jedem die Hand geben können. Der gängige Spruch damals war: "Wenn schlechtes Wetter ist, kommen die Leute nicht, weil schlechtes Wetter ist. Und wenn gutes Wetter ist, kommen sie nicht, weil gutes Wetter ist."

 

Wie sah die Fankultur zu dieser Zeit aus?

 

Das war ganz anders als heute. Ich erinnere mich an ein Spiel, als plötzlich ein paar SC-Fans anfingen zu rufen: "Hopp, Hopp, Hopp". Die Antwort aus dem Auswärtsblock kam prompt: "Kinderchor, Kinderchor". Die haben sich darüber lustig gemacht, weil es nur rund 20 Leute waren, die das angestimmt hatten. Damals hatte auch keiner eine SC-Fahne, einen Schal oder eine Mütze. Das kam erst im Laufe der Zeit dazu und exponentiell dann in der Bundesliga.

 

800 Spiele: Sie scheinen sich beim SC tatsächlich sehr wohlzufühlen...

 

Ja, es herrscht hier eben ein ganz besonderes Klima, auch politisch: Man kann sich zum Beispiel darauf verlassen, dass rechtsradikale Tendenzen hier nicht geduldet werden. Insgesamt spiegelt sich im Verein eine fortschrittliche Tradition wider. Zu guter Letzt hängt für mich persönlich die Identifikation mit dem Verein dann auch damit zusammen, dass ich mich in Freiburg einfach sauwohl fühle.

 

Interview: Tobias Gayer und Uli Fuchs