„Fußball hat mir alles gegeben"

Jeder Klub hat seine Kultfiguren. Vor dem Auswärtsspiel beim FC Bayern München kommt eine dieser Legenden des kommenden SC-Gegners zu Wort: Rainer Zobel. Der 68-Jährige spielte von 1970 bis 1976 für Bayern München. Er bestritt 180 Bundesligaspiele für den FC  Bayern, mit dem er dreimal Deutscher Meister, einmal Pokalsieger und dreimal Europapokalsieger wurde. Als Trainer holte er später mit al Ahly Kairo drei Meistertitel in Ägypten.

 


Herr Zobel, Ihre Profikarriere begann 1969 bei Hannover 96, Sie waren 19 Jahre alt?

 

Rainer Zobel: Stimmt, ich war U19-Nationalspieler und hatte Angebote vom HSV und von Werder Bremen. Dann meinte der Udo Lattek: „Du gehst zu Hannover."

 

 

Lattek war Trainer beim DFB?

 

Er war der Coach der U19 und rief bei Hannover an. Er sagte mir: „Beim HSV oder bei Werder würdest du nicht sicher Stammspieler, aber bei Hannover spielst du immer." Und so kam es dann auch. Ich habe 66 von 68 Bundesligapartien bei Hannover gemacht ...

 

 

.... bis Udo Lattek Trainer beim FC Bayern wurde und Sie nach München holte.

 

Genau. Mein Vertrag lief aus und er wollte mich unbedingt.

 


Bei Bayern gab es einen Umbruch, ältere Spieler gingen weg, jüngere kamen ...

 

... und erhielten bei Udo Lattek gleich die Chance. Außer mir kamen noch Uli Hoeneß und Paul Breitner, beide gerade 18 Jahre alt.

 


Die Ära des FC Bayern begann damals. Sie wurden 1971 Meister mit 101 erzielten Toren. So viele hatte die viel gerühmte Gladbacher Fohlenelf damals nie erzielt.

 

Die hießen so, aber eigentlich waren wir die Fohlen (lacht). Wir waren im Schnitt jünger.

 


Was war das Erfolgsgeheimnis von Udo Lattek?

 

Er wusste genau, wie man eine Mannschaft zusammenstellt, wer zu wem passt und welche Stärken die jeweiligen Spieler hatten.

 

 

In den sechs Jahren, in denen Sie in München waren, wurden Sie dreimal Meister und einmal Pokalsieger. Die Krönung waren aber die Europapokalsiege. War es damals leichter ins Finale zu kommen? Nach vier Runden stand man im Endspiel!

 

Ja, aber dafür waren nur die Meister am Start. Auch wenn die Namen vielleicht heute nicht mehr so glanzvoll klingen, der schwedische Meister oder auch die DDR-Meister waren echte Brocken. Spiele gegen Dynamo Dresden oder den 1. FC Magdeburg, das waren dramatische und enge Partien.Es waren ja auch von Anfang an K.o.-Spiele, da konntest du nicht soviel korrigieren, wie heute mit den Gruppenphasen. Einmal einen schlechten Tag, erwischt, das war es dann.

 

 

Wissen Sie noch, was Sie gedacht haben, als Atletico Madrid in Ihrem ersten Finale 1974 in der Verlängerung sechs Minuten vor Schluss in Führung ging?

 

Ehrlich gesagt, nein. Vielleicht ist ja damals dieses „immer weiter, immer weiter"-Bayern- Gen entstanden. Auf jeden Fall haben wir in der letzten Minute noch ausgeglichen.

 


Elfmeterschießen gab es damals noch nicht. Im Wiederholungsspiel zwei Tage danach waren Sie moralisch klar im Vorteil?

 

Absolut! Es wurde auch eine klare Sache, 4:0. Ich machte mein bestes Spiel für Bayern.

 


Und brachen dann am anderen Morgen zu jenem legendären 0:5 nach Gladbach auf?

 

Es war der letzte Spieltag. Wir hatten als erste deutsche Mannschaft den Europapokal der Landesmeister geholt, klar, dass wir das gefeiert haben. Vom Spiel weiß ich nicht mehr so viel, ich bin auf der Bank eingeschlafen.

 

 

War der FC Bayern auch deshalb so stark, weil fast über die gesamte Zeit, die Sie dort waren, dieselben Leute aufliefen?

 

Ja, wir konnten das damals so machen, weil wir nicht so viele Spiele hatten. Innerhalb der Stammelf wurde nur ganz selten gewechselt, wir waren ein eingespieltes Team und verstanden uns blind.

 


Als Spieler hatten Sie nur zwei Profistationen, als Trainer anschließend 17. Wie wurde aus dem bodenständigen Fußballprofi der Trainer-Weltenbummler?

 

Ich habe als Co-Trainer beim 1. FC Kaiserslautern 1993 Bora Milutinović kennen gelernt. Der war als Trainer in der ganzen Welt herumgekommen und hat mir viel über seine Auslandsstationen erzählt. Meine Frau meinte zu mir: „Wenn du das mal machen kannst, dann mache es." Und als 1997 ein Angebot von al Ahly Kairo kam, habe ich sofort zugesagt.



Und nicht bereut?

 

Nein. Sowohl als Spieler wie auch als Trainer kann ich sagen: Der Fußball hat mir alles gegeben.

 

 

Interview: Carmelo Policicchio