Am Anfang war das Bild
In der Bundesliga wird Pause gemacht, die WM-Gruppen sind ausgelost und draußen ist es Winter. Also bleibt Zeit für ein Thema, das mir schon seit langem unter den Nägeln brennt: Das Thema Geld.
Mein Sohn Tom hat dazu nämlich ein, sagen wir mal, spezielles Verhältnis. Auf der einen Seite achtet er penibel darauf, pünktlich sein Taschengeld zu erhalten, weil er es prima findet, Geld zu besitzen; vor allem Münzen, weil die so schön klimpern und man die auch andauernd und sehr geräuschvoll zählen kann. Auch kann man dann wildfremde Menschen mit dem Satz beglücken:
„Ich hab' schon 18 Euro 79 Cent, soll ich's dir mal zeigen?"
Wer den Fehler macht, diese Frage mit „ja" zu beantworten, bekommt eine mindestens 20-minütige Show im Münztürmchenbau geboten.
Auf der anderen Seite gibt Tom das Geld auch sehr gerne aus - wenn er's nicht verliert. Was oft vorkommt.
„Tu' das Geld doch in deinen Umhängegeldbeutel", sage ich ihm immer wieder, und höre mich dabei an wie meine Mutter. Die das zu mir auch immer gesagt hat: „Tu' das Geld doch in deinen Umhängegeldbeutel. Der ist praktisch und vernünftig." Sieht aber doof aus! Darauf kommen alle Kinder: Warum - wenn's denn so praktisch und vernünftig ist - tragen die Erwachsenen keinen Umhängegeldbeutel? Eben!
Nein, Tom hat das Geld wie sein Vater lieber lose in der Hosentasche. Führt zwar zu Schwund, klimpert aber schön. Außerdem kommt man besser dran, wenn man's ausgeben will.
Für Fußballbildchen zum Beispiel, was eine sinnvolle Investition ist, denn Fußballbildchen sind in Toms Kreisen die Tauschwährung Nummer eins. Man kriegt in der Schule andere Bildchen dafür, aber auch Schokolade oder Kakao für besonders beliebte Bilder - und für einen Schweinsteiger oder Gomez schon auch mal Geld. Von dem man sich wieder neue Fußballbildchen kaufen kann, die man dann wieder reinvestiert im Tausch gegen...
Kurz: Fußballbildchen sind in der Schule das, was Zigaretten im Knast sind, und Tom ist der Pate!
Akribisch studiert er die Bundesligatabelle, weiß haargenau, welcher Spieler welchen Tauschwert hat, er spekuliert, handelt, macht und tut. Unvergessen ist mir seine Aussage, als er vor Jahren das Bildchen des Bayernspielers Sebastian Deisler bekam und sagte:
„Den tausche ich nicht. Wenn der nicht mehr verletzt ist, wird der was wert."
„Und wenn der aufhört?"
„Dann wird er eine Legende und unbezahlbar!"
(Mit anderen „wertvollen" oder, auch das gibt es, „super-seltenen" Spielern, verfährt er ebenso, das bildet, wie Tom sagt, seine „eiserne Reserve".) Andere Jungs wollen später mal Feuerwehrmann werden, Tom wird wohl Fußballmanager oder Großbanker oder kriminell, was ja dasselbe ist.
A propos kriminell: Weil es ganz schön langwierig, statistisch zunehmend unwahrscheinlich und vor allem sehr teuer ist, auf dem Kaufwege das Sammelalbum vollzukriegen, gilt das Fußballbildchensammeln nach einem Gerichtsentscheid als verbotenes Glückspiel. Aus diesem Grund (sonst wäre es nämlich verboten!) kann man bis zu fünfzig (fehlende) Bilder für billiges Geld direkt und „offen" beim Hersteller bestellen! Allein, die Kids wollen das gar nicht. Die wollen lieber weiter „blind" Bildchen kaufen und tauschen und den Stapel mit den „Doppelten" sowie die „eiserne Reserve" ins Unermessliche wachsen sehen; die Kids wollen nicht vernünftig sein und sparen, sie wollen lieber ein zweites, drittes Album anfangen oder eigene Alben mit „den besten Spieler überhaupt" anlegen und, und, und. (Auch dauert das Direktbestellen beim Hersteller - diese Gauner! - sechs Wochen. Und sechs Wochen sind für vom Kapitalismus infiltrierte Kinder wie meinen Sohn eine Ewigkeit!)
Vor kurzem allerdings hat Tom sein gesamtes Bargeld verloren, es ist ihm aus der Hosentasche gerutscht. Aber statt zu weinen, kramte Tom seine „eiserne Reserve" hervor und sagte tapfer:
„Jetzt muss ich eben noch mal ganz von vorn anfangen."
Ich reichte ihm wortlos den Umhängegeldbeutel.
Und nur um das abzuschließen: Schon ein paar Tage später strahlte Tom wieder und in seiner Hosentasche klimperte es verdächtig...
„Denk an den Umhängegeldbeutel", ermahnte ich ihn.
„Tu ich doch", sagte er und zeigte ihn mir. Er war prall gefüllt mit Fußballbildchen.
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Es gibt auch coole Umhängebeutel
25.12.2009 - 20:58
...meine Tochter mag ihren Umhängebeutel (natürlich rosa mit Minnie Maus), weil er eine individuelle Note besitzt...
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